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Gaius Verres – Der berüchtigte Statthalter Siziliens und Gegner Ciceros
Gaius Verres (ca. 115–43 v. Chr.) war ein römischer Senator und Magistrat der späten Republik. Berühmt wurde er nicht durch militärische Erfolge oder politische Reformen, sondern durch seine außerordentliche Korruption. Während seiner Laufbahn soll er sich in nahezu jedem Amt durch Bestechung, Erpressung und Veruntreuung bereichert haben.
Den Höhepunkt seiner Karriere bildete seine Statthalterschaft in Sizilien (73–71 v. Chr.), wo sein Machtmissbrauch schließlich dazu führte, dass ihn die sizilianischen Städte vor Gericht brachten. Der Prozess des Jahres 70 v. Chr., in dem Marcus Tullius Cicero als Ankläger auftrat, machte Verres zum bekanntesten Beispiel eines korrupten Provinzstatthalters der römischen Geschichte. Unsere wichtigste Quelle zu seinem Leben sind Ciceros Reden In Verrem, weshalb das Bild des Verres stark von dessen Darstellung geprägt ist.
Herkunft und frühes Leben
Über die Jugend des Gaius Verres ist nur wenig bekannt. Er wurde vermutlich um 115 v. Chr. in eine senatorische Familie geboren. Seine Familie gehörte zwar dem Senatorenstand an, zählte jedoch nicht zu den besonders angesehenen Geschlechtern der Nobilität.
Wie viele junge Adlige begann auch Verres seine politische Laufbahn im Rahmen des cursus honorum. Schon früh fiel er jedoch nach den Berichten Ciceros durch Habgier und mangelnde Loyalität auf.
Die ersten Ämter
Sein erstes bedeutendes Amt war das des Quästors. (Beginn Actio Secunda I,13)
Während der Bürgerkriege diente Verres zunächst unter dem Konsul Gaius Papirius Carbo, einem Anhänger der Popularen. Als sich jedoch der Sieg von Lucius Cornelius Sulla abzeichnete, wechselte Verres kurzerhand die Seiten. Dabei soll er sogar die Kriegskasse seines bisherigen Befehlshabers mitgenommen haben, ein Verrat, der ihm unter Sulla nicht schadete, sondern ihm vielmehr dessen Gunst einbrachte.
Dieser Seitenwechsel zeigt bereits ein Muster, das sich durch seine gesamte Karriere ziehen sollte: persönliche Vorteile standen für Verres stets über politischer Loyalität.
Tätigkeit unter Dolabella (Beginn Actio Secunda I, 15)
Nach dem Bürgerkrieg begleitete Verres den Statthalter Gnaeus Cornelius Dolabella in die Provinz Kilikien.
Dort diente er als Legat beziehungsweise Quästor und war für Teile der Finanzverwaltung verantwortlich.
Nach den Berichten Ciceros bereicherten sich Dolabella und Verres gemeinsam auf Kosten der Provinzbevölkerung. Als Dolabella später wegen Erpressung angeklagt wurde, verriet Verres seinen früheren Vorgesetzten und sagte gegen ihn aus. Dadurch entging er selbst einer Verurteilung.
Auch dieses Verhalten machte ihn bereits in der Antike zum Sinnbild eines opportunistischen Politikers.
Die Prätur
Im Jahr 74 v. Chr. erreichte Verres das Amt des Prätors.
Cicero wirft ihm vor, sich dieses Amt durch umfangreiche Bestechung gesichert zu haben. Als Stadtprätor (praetor urbanus) soll Verres seine richterliche Gewalt missbraucht und zahlreiche Urteile gegen Bestechung gefällt haben.
Gerade diese Vorgänge bilden den Hauptinhalt des ersten Buches der Actio secunda (De praetura urbana), in dem Cicero zahlreiche Fälle schildert, in denen Verres das römische Recht bewusst zugunsten eigener Vorteile verdreht habe.
Statthalter von Sizilien
Nach seiner Prätur wurde Verres für die Jahre 73–71 v. Chr. als Propraetor nach Sizilien entsandt.
Sizilien war eine der reichsten Provinzen Roms und zugleich der wichtigste Getreidelieferant der Republik.
Während seiner dreijährigen Amtszeit soll Verres nahezu alle Möglichkeiten genutzt haben, sich persönlich zu bereichern.
Zu den Vorwürfen gehörten:
Erpressung der Städte,
Manipulation der Getreidesteuern,
unrechtmäßige Enteignungen,
Bestechung,
Missbrauch der Gerichtsbarkeit,
Diebstahl zahlreicher Kunstwerke aus Tempeln und Privathäusern,
rechtswidrige Hinrichtung römischer Bürger,
Bereicherung während des Krieges gegen Spartacus.
Vor allem seine systematischen Kunstraube machten ihn schon in der Antike berüchtigt. Cicero schildert sie ausführlich im fünften Buch der Actio secunda (De signis).
Der Prozess gegen Verres
Nach seiner Rückkehr nach Rom erhoben die sizilianischen Städte Klage gegen ihren ehemaligen Statthalter.
Sie baten ausgerechnet Cicero um Hilfe, der einige Jahre zuvor als Quästor in Sizilien tätig gewesen war und dort großes Vertrauen genoss.
Der Prozess begann im Jahr 70 v. Chr.
Verres wurde vom berühmtesten Anwalt seiner Zeit, Quintus Hortensius Hortalus, verteidigt.
Die Verteidigung versuchte den Prozess so lange hinauszuzögern, bis politisch günstigere Richter im Amt gewesen wären.
Cicero vereitelte diese Strategie jedoch, indem er bereits zu Beginn zahlreiche Zeugen und Beweise präsentierte.
Die Beweislage war so erdrückend, dass Hortensius seinem Mandanten schließlich empfahl, Rom zu verlassen.
Noch bevor das Urteil gesprochen wurde, ging Verres freiwillig ins Exil.
Das Exil
Verres floh nach Massilia (dem heutigen Marseille) in Südgallien.
Dort lebte er viele Jahre mit einem großen Teil seines Vermögens weiter.
Erst 43 v. Chr. fand sein Leben ein gewaltsames Ende.
Nach der Bildung des Zweiten Triumvirats wurde Verres von Marcus Antonius auf die Proskriptionslisten gesetzt. Nach antiker Überlieferung soll Antonius vor allem an den wertvollen Kunstwerken des Verres interessiert gewesen sein. Als Verres sich weigerte, diese herauszugeben, wurde er hingerichtet.
War Verres wirklich so schlimm?
Die wichtigste Quelle über Verres sind ausschließlich Ciceros Reden.
Deshalb ist Vorsicht geboten.
Cicero hatte als Ankläger ein offensichtliches Interesse daran, seinen Gegner möglichst negativ darzustellen.
Allerdings sprechen mehrere Umstände dafür, dass die wesentlichen Vorwürfe zutrafen:
Verres floh noch während des Prozesses.
Zahlreiche sizilianische Städte sagten gegen ihn aus.
Seine Verteidigung verzichtete weitgehend auf eine Widerlegung der Tatsachen.
Auch spätere antike Autoren übernahmen das Bild eines besonders korrupten Statthalters.
Heute gehen Historiker daher davon aus, dass Cicero zwar rhetorisch überzeichnete, der Kern seiner Anklage jedoch historisch glaubwürdig ist.
Die sieben Verrinen zeichnen praktisch die gesamte politische Laufbahn des Verres nach:
Actio prima – Einleitung des Prozesses und Beweisführung.
Buch 1 (De praetura urbana) – Verres als Stadtprätor in Rom.
Buch 2 (De iurisdictione Siciliensi) – Missbrauch der Gerichtsbarkeit in Sizilien.
Buch 3 (De frumento) – Ausbeutung der sizilianischen Getreidewirtschaft.
Buch 4 (De signis) – Kunstraub und Plünderung von Tempeln und Privathäusern.
Buch 5 (De suppliciis) – Grausame Bestrafungen und rechtswidrige Hinrichtungen.
Da Verres bereits vor Abschluss des Prozesses ins Exil ging, wurden die fünf Bücher der Actio secunda nie vorgetragen, sondern später von Cicero als literarisch ausgearbeitete Anklageschrift veröffentlicht.