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Titus Labienus – Caesars wichtigster Legat und späterer Gegner
Titus Labienus (ca. 100–45 v. Chr.) war einer der bedeutendsten römischen Offiziere im Gallischen Krieg. Über mehrere Jahre gehörte er zu den engsten militärischen Mitarbeitern Gaius Iulius Caesars und übernahm eigenständig wichtige Feldzüge und Schlachten. Besonders seine Siege gegen die Treverer und seinen Feldzug gegen die Parisier 52 v. Chr. machten ihn zu einem der erfolgreichsten römischen Befehlshaber in Gallien.
Umso bemerkenswerter ist seine spätere Entwicklung: Als 49 v. Chr. der Bürgerkrieg zwischen Caesar und Pompeius ausbrach, verließ Labienus Caesar und schloss sich Pompeius an.
Damit wurde aus Caesars langjährigem Untergebenen einer seiner Gegner. Labienus kämpfte anschließend in mehreren Feldzügen gegen seinen ehemaligen Befehlshaber und fiel schließlich 45 v. Chr. bei Munda in Spanien.
Die frühe Karriere
Über die Jugend des Labienus ist nur wenig bekannt. Er stammte wahrscheinlich aus Picenum, einer Region an der italienischen Adriaküste, die traditionell eng mit Gnaeus Pompeius Magnus verbunden war. Sein erster bekannter Militärdienst führte ihn nach Kilikien, wo er etwa zwischen 78 und 74 v. Chr. unter Publius Servilius Vatia Isauricus diente.
63 v. Chr. trat Labienus als Volkstribun in der römischen Politik hervor. In diesem Jahr betrieb er die Anklage gegen Gaius Rabirius wegen perduellio, also eines gegen den Staat gerichteten Verbrechens. Cicero übernahm die Verteidigung des Rabirius.
Labienus stand dabei auf der Seite Caesars. Er hatte also schon vor Caesars Gallischem Krieg eine politische Verbindung zu ihm.
Ebenfalls 63 v. Chr. setzte sich Labienus für Ehrungen des Pompeius ein.
Labienus und Caesar im Gallischen Krieg
Spätestens mit Caesars Statthalterschaft in Gallien wurde Labienus zu einem seiner wichtigsten Mitarbeiter. Er war Legat Caesars und erhielt wiederholt selbstständige Kommandos.
Caesar vertraute ihm so weit, dass Labienus während Caesars Abwesenheit wichtige Teile des Heeres führen konnte. Bereits 58 v. Chr. erhielt er beim Feldzug gegen die Helvetier einen eigenständigen Auftrag.
Caesar beauftragte Labienus, mit zwei Legionen einen Höhenzug zu besetzen, während Caesar selbst mit dem Hauptheer gegen die Helvetier marschierte.
Auch wenn Caesar in seinen Commentarii selbst der zentrale Feldherr bleibt, wird dabei deutlich, dass Labienus keineswegs nur ein untergeordneter Offizier war. Er erhielt selbstständige militärische Aufgaben und konnte Operationen unabhängig von Caesar durchführen.
Der Sieg über die Treverer
Besonders eindrucksvoll zeigt sich Labienus' militärisches Können im Kampf gegen die Treverer.
54 v. Chr. erhob sich der Trevererfürst Indutiomarus gegen die Römer. Labienus befand sich mit einer Legion im Gebiet der Treverer und geriet zunächst in eine schwierige Lage.
Er entschied sich jedoch für eine Täuschungsstrategie. Er ließ seine Truppen den Eindruck erwecken, als würden sie sich zurückziehen. Dadurch wurden die Treverer zu einem Angriff verleitet. Nachdem Indutiomarus mit seiner Reiterei vor dem römischen Lager erschien, ließ Labienus seine Truppen plötzlich aus dem Lager ausbrechen.
Das Ziel war ausdrücklich, Indutiomarus selbst zu töten, bevor die übrigen Gegner entkommen konnten.
Labienus ließ seine Reiterei gleichzeitig aus mehreren Toren ausrücken und befahl ihr, Indutiomarus gezielt zu verfolgen. Indutiomarus wurde getötet; anschließend zerfiel der Widerstand der Treverer.
Der Sieg über Indutiomarus war einer der größten militärischen Erfolge des Labienus in Gallien.
Der Feldzug gegen Lutetia
Seinen wohl bekanntesten selbstständigen Feldzug führte Labienus 52 v. Chr. gegen die Parisier.
Während Caesar selbst gegen Vercingetorix vorging, erhielt Labienus den Auftrag, mit vier Legionen nach Lutetia, dem Hauptort der Parisier, zu marschieren.
Die Parisier und ihre Verbündeten stellten sich Labienus unter der Führung des alten gallischen Feldherrn Camulogenus entgegen. Das Gelände war für die Römer äußerst schwierig, da ein ausgedehntes Sumpfgebiet den Vormarsch behinderte.
Labienus änderte deshalb seinen ursprünglichen Plan. Er zog sich scheinbar zurück, wandte sich anschließend nach Metiosedum und nahm dort zahlreiche Schiffe in Besitz. Mit diesen konnte er den Fluss überqueren und seine Truppen an eine andere Stelle bringen.
Anschließend kam es zur entscheidenden Schlacht. Labienus besiegte die gallischen Truppen und tötete Camulogenus.
Caesar stellt den Feldzug als eine Operation dar, bei der Labienus unter schwierigen Bedingungen selbstständig handelte. Besonders seine Täuschungsmanöver und die Nutzung der Schiffe zeigen seine taktische Flexibilität.
Labienus bei Alesia
Auch bei der entscheidenden Auseinandersetzung um Alesia spielte Labienus eine wichtige Rolle.
Als das große gallische Entsatzheer die römischen Befestigungen angriff, wurde die Lage für Caesar zeitweise äußerst gefährlich. Labienus gehörte zu den Befehlshabern, denen Caesar besonders wichtige Abschnitte der Verteidigung anvertraute.
Caesar, De bello Gallico 7,86–88
Als ein Teil der römischen Befestigungen unter besonders starkem Druck stand, schickte Caesar Labienus mit sechs Kohorten zur Unterstützung. Labienus erhielt den Auftrag, die Stellung zu halten oder sich notfalls zurückzuziehen und einen Ausfall zu unternehmen.
Damit erscheint Labienus am Höhepunkt des Gallischen Krieges erneut als einer von Caesars wichtigsten Kommandeuren.
Das Verhältnis zwischen Caesar und Labienus
Nach mehreren Jahren gemeinsamer Feldzüge stellt sich die Frage, wie eng die Beziehung zwischen Caesar und Labienus tatsächlich war.
Sicher ist zunächst: Caesar vertraute Labienus außerordentlich wichtige militärische Aufgaben an. Labienus war nicht einfach irgendeiner seiner Legaten. Er führte selbstständig Legionen, gewann wichtige Schlachten und übernahm während Caesars Abwesenheit teilweise dessen Aufgaben.
Am Ende des Gallischen Krieges ging Caesars Vertrauen sogar noch weiter. 51 bzw. Anfang 50 v. Chr. übertrug Caesar Labienus die Verwaltung der Gallia Cisalpina. Caesar berichtet ausdrücklich, dass Labienus mit der Verwaltung Italiens betraut wurde, während Caesar selbst weiter in Gallien operierte. Gleichzeitig erwähnt er Gerüchte, dass Gegner versuchten, Labienus auf ihre Seite zu ziehen.
Diese Stelle ist für die spätere Entwicklung besonders interessant: Caesar wusste offenbar, dass politische Gegner Kontakt zu Labienus suchten, vertraute ihm aber weiterhin.
Der Seitenwechsel im Jahr 49 v. Chr.
Als Caesar Anfang 49 v. Chr. den Rubikon überschritt und der Bürgerkrieg gegen Pompeius begann, verließ Labienus Caesar und wechselte auf die Seite des Pompeius.
Das ist der außergewöhnliche Wendepunkt seiner Karriere.
Labienus war damit nicht einfach ein Offizier, der nach einer Niederlage den Sieger wechselte. Er hatte jahrelang unter Caesar gedient, mit ihm große Teile Galliens erobert und sich unter seinem Kommando einen eigenen militärischen Ruf erworben. Nun entschied er sich bewusst gegen seinen bisherigen Befehlshaber.
Warum?
Eine eindeutige Antwort ist nicht möglich.
Die antiken Quellen geben keine zuverlässige persönliche Begründung für seinen Schritt. In der modernen Forschung werden deshalb verschiedene Erklärungen diskutiert. Eine Rolle könnten seine politischen und persönlichen Bindungen an das pompeianische Lager gespielt haben. Auch seine Herkunft aus Picenum wird in der Forschung mit der traditionellen Nähe dieser Region zu Pompeius in Verbindung gebracht.
Oder er hatte einfach persönliche Probleme mit Cäsars Marsch auf Rom und dem Sakrileg, dass damit einherging. Streng genommen hat Cäsar einen illegalen Krieg in Gallien geführt und die Überschreitung des Rubikon machte ihn und all seine Soldaten zu Staatsfeinden.
Es war dennoch ein schwerer Schlag für Cäsar, da Labienus sein höchster General und engster Vertrauter gewesen ist.
Labienus auf der Seite des Pompeius
Der Seitenwechsel bedeutete für Labienus, dass er nun gegen genau jene Armee kämpfen musste, die er selbst jahrelang mit aufgebaut und geführt hatte.
Caesar erwähnt den Seitenwechsel im Bellum civile und stellt Labienus nun als Gegner dar. Besonders deutlich wird die neue Situation vor der Schlacht von Pharsalus.
Dort trat Labienus als einer der wichtigen Befehlshaber des pompeianischen Heeres auf.
Caesar, De bello civili 3,87
Labienus hielt vor Pompeius eine ausführliche Ansprache. Darin behauptete er, Caesars Armee sei nicht mehr dieselbe erfahrene Armee, die Gallien und Germanien erobert habe. Er selbst, so betonte Labienus, habe diese Feldzüge miterlebt und könne deshalb beurteilen, wie schwach Caesars gegenwärtiges Heer sei. Anschließend schwor er, nicht anders als siegreich ins Lager zurückzukehren.
Von Pharsalus nach Afrika
Bei Pharsalus erlitt Pompeius 48 v. Chr. eine entscheidende Niederlage.
Labienus blieb dennoch im Kampf gegen Caesar.
Nach der Niederlage gelangte er schließlich nach Afrika, wo sich weitere führende Gegner Caesars sammelten. Dort kämpfte er unter den republikanischen Befehlshabern gegen Caesar.
Bei Ruspina kam es 46 v. Chr. zu einem Gefecht, in dem Labienus zeitweise Erfolge gegen Caesars Truppen erzielen konnte. Anschließend schloss er sich dem Heer des Metellus Scipio und Cato an.
Nach Caesars Sieg bei Thapsus 46 v. Chr. war die pompeianische Sache in Afrika jedoch weitgehend verloren.
Der letzte Kampf bei Munda
Nach der Niederlage in Afrika floh Labienus nach Spanien. Dort schloss er sich den Söhnen des Pompeius, Gnaeus und Sextus Pompeius, an.
Damit wurde er erneut zu einem wichtigen Befehlshaber des Widerstandes gegen Caesar. 45 v. Chr. kam es schließlich zur entscheidenden Schlacht bei Munda.
Labienus kommandierte auf pompeianischer Seite. Während der Schlacht griff die mauretanische Reiterei des Caesar-Verbündeten Bogud die Rückseite des pompeianischen Heeres an.
Labienus reagierte darauf und verlegte Truppen, um die Bewegung aufzuhalten. Nach der Darstellung mehrerer antiker Quellen wurde diese Bewegung von Teilen des pompeianischen Heeres jedoch als Rückzug missverstanden. Die ohnehin unter starkem Druck stehenden Truppen gerieten dadurch zusätzlich in Unordnung.
Labienus fiel schließlich selbst in der Schlacht.
Das Bellum Hispaniense nennt Labienus zusammen mit Publius Attius Varus unter den Gefallenen und berichtet, dass beiden ein Begräbnis bereitet wurde:
Bellum Hispaniense 31,9
praeterea Labienus, Attius Varus, quibus occisis utrisque funus est factum.
Auch Cassius Dio berichtet über Labienus' Tod bei Munda.
Damit endete 45 v. Chr. die Karriere eines Mannes, der zunächst zu Caesars wichtigsten Feldherren gehört hatte und schließlich als einer seiner entschlossensten Gegner starb.
Moderne Forschung
Courtenay Edward Stevens / Robin Seager, „Labienus (1), Titus“, Oxford Classical Dictionary – grundlegende moderne Übersicht zu Labienus' politischer und militärischer Karriere.
Ronald Syme, „The Allegiance of Labienus“, Journal of Roman Studies 28 (1938), S. 113–125 – wichtige Studie zur politischen Loyalität des Labienus.
William Blake Tyrrell, „Labienus' Departure from Caesar in January 49 B.C.“, Historia 21 (1972), S. 424–440 – ausführliche Untersuchung des Seitenwechsels.
G. P. Stringer, „Caesar and Labienus: a re-evaluation of Caesar's most important relationship in De Bello Gallico“, New England Classical Journal 44,4 (2017), S. 228–246.
Silvio Bär, „Rhetorik auf dem Schlachtfeld: Caesar, Pompeius und Labienus vor der Entscheidung bei Pharsalus (De bello civili III, 85–87)“, Hyperboreus 18,2 (2012), S. 243–263 – zur Darstellung Labienus' in Caesars Bellum civile.