Tribunicia potestas (tribunizische Gewalt) - Begriff und Grundbedeutung
Die tribunicia potestas („tribunizische Gewalt“) bezeichnet das Bündel von rechtlichen und politischen Befugnissen, das ursprünglich dem Volkstribunen (tribunus plebis) zustand. Sie diente dem Schutz der Plebejer und stellte ein Gegengewicht zur Macht der patrizischen Magistrate dar (Senatoren).
Ursprung im Volkstribunat
Die tribunizische Gewalt entstand im Rahmen der Ständekämpfe der frühen Republik. Mit der Einrichtung des Volkstribunats erhielt die Plebs ein eigenes Amt, dessen Inhaber nicht Teil der traditionellen Magistratslaufbahn war, aber über außergewöhnlich starke Schutz- und Eingriffsrechte verfügte.
Zentrale Befugnisse der tribunicia potestas
Zur tribunizischen Gewalt gehörten insbesondere:
die intercessio, das Vetorecht gegen Amtshandlungen anderer Magistrate
das ius auxilii, das Recht, Bürger vor staatlicher Willkür zu schützen
die sacrosanctitas, die religiös begründete Unverletzlichkeit der Person
das Recht, die Plebs einzuberufen und Beschlüsse herbeizuführen
Diese Befugnisse machten den Volkstribunen zu einer der einflussreichsten Figuren der römischen Politik.
Religiöse Absicherung
Die sacrosanctitas des Volkstribunen war religiös garantiert: Wer seine Person verletzte, machte sich eines Sakrilegs schuldig. Dadurch erhielt die tribunizische Gewalt einen sakralen Schutz, der ihre politische Wirksamkeit erheblich verstärkte.
Bedeutung im republikanischen Staat
In der Republik war die tribunicia potestas ein zentrales Instrument zur Begrenzung der Magistratsmacht. Besonders das Vetorecht erlaubte es, Entscheidungen von Konsuln oder Prätoren zu blockieren. Die tribunizische Gewalt stand damit für das Prinzip, dass staatliche Macht kontrolliert und ausgeglichen sein müsse.
Man könnte dies auch eine Form der Gewaltenteilung nennen, obwohl in vielen heutigen Demokratien ein derartiges Amt gar nicht mehr existiert. In Deutschland sind beispielsweise Volksbegehren oder direkte Volksabstimmungen auf Bundesebene verboten.
Die tribunicia potestas bei Livius
Bei Titus Livius erscheint die tribunizische Gewalt vor allem im Zusammenhang mit den inneren Konflikten der Republik. Sie verkörpert den politischen Aufstieg der Plebs und den Versuch, soziale Spannungen durch institutionelle Mittel zu regulieren. Livius betont dabei häufig ihre Bedeutung für die Stabilität des Staates, aber auch ihr Missbrauchspotential. Wenn beispielsweise eine falsche Person diese Amtsbefugnisse erlangt, dann ist das Volk als Gegengewicht faktisch ausgehebelt und diese Macht kann auch zum negativen benutzt werden.
Clodius Pulcher hat sich beispielsweise in der Spätrepublik von seinem Sklaven adoptieren lassen und sein Gentilnomen von Claudius auf Clodius geändert, um als Plebejer zu gelten und so das Volkstribunat übernehmen zu können.
Wandel in der Kaiserzeit
In der Kaiserzeit wurde die tribunicia potestas von den Kaisern übernommen, ohne dass sie das Amt des Volkstribunen innehatten. Sie wurde so zu einer rechtlichen Grundlage der kaiserlichen Macht, insbesondere zur Kontrolle der Magistrate und zur Darstellung des Kaisers als Beschützer des Volkes.
Bedeutung für das römische Selbstverständnis
Die tribunicia potestas verbindet Recht, Politik und Religion. Sie steht für den römischen Anspruch, Macht nicht schrankenlos auszuüben, sondern durch institutionelle Gegengewichte zu kontrollieren. Gleichzeitig zeigt sie, wie flexibel römische Verfassungsprinzipien im Laufe der Zeit angepasst wurden.