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Die Stadt Noreia – die verlorene Stadt des Norischen Königreichs
Noreia war eine bedeutende Stadt im antiken Noricum, deren genaue Lage bis heute nicht sicher bestimmt werden konnte. Die Stadt wird von mehreren antiken Autoren erwähnt und war bereits in vorchristlicher Zeit ein wichtiges Zentrum des norischen Raumes.
Besonders bekannt wurde Noreia durch die Niederlage eines römischen Heeres gegen die Kimbern im Jahr 113 v. Chr. sowie durch ihre Belagerung durch die Boier wenige Jahrzehnte später. Gerade für Caesars De bello Gallico besitzt Noreia eine besondere Bedeutung, da die Boier, die sich anschließend den Helvetiern anschlossen, zuvor vor Noreia gekämpft hatten.
Noreia und das Königreich Noricum
Noreia lag im Gebiet des Regnum Noricum, eines keltisch geprägten politischen Verbandes im östlichen Alpenraum. Das Gebiet des norischen Königreichs erstreckte sich ungefähr über Teile des heutigen Österreichs, Sloweniens und angrenzender Regionen.
Die Noriker waren insbesondere für ihre Metallverarbeitung bekannt. Strabon berichtet im Zusammenhang mit Noreia von Goldwäschereien und Eisenwerken in ihrer Umgebung. Damit lag die Stadt in einer Region, die für die Gewinnung und Verarbeitung von Rohstoffen von großer wirtschaftlicher Bedeutung war.
Noreia wird in der Forschung häufig als Zentrum bzw. Hauptstadt des Norischen Königreichs bezeichnet.
Bei dieser Bezeichnung sollte man allerdings vorsichtig sein: Caesar selbst nennt Noreia lediglich ein oppidum Noricum, also eine norische befestigte Siedlung, während die Vorstellung von Noreia als Hauptstadt vor allem aus der späteren Forschung und der Zusammenführung verschiedener antiker Zeugnisse stammt.
Die Lage von Noreia
Die größte Schwierigkeit bei Noreia besteht darin, dass ihr genauer Standort unbekannt ist.
Strabon liefert immerhin einen wichtigen geographischen Hinweis. Er schreibt, dass von Aquileia aus ein Flussweg über etwa 1.200 Stadien bis nach Noreia führte. Die Stadt lag außerdem in der Nähe des Ortes, an dem der römische Konsul Gnaeus Papirius Carbo gegen die Kimbern geschlagen worden war.
Diese Angaben haben zu zahlreichen Lokalisierungsversuchen geführt. Besonders häufig wurde Noreia im heutigen Süden Österreichs, insbesondere in Kärnten oder der südlichen Steiermark, gesucht. Auch der Magdalensberg in Kärnten wurde wiederholt mit Noreia in Verbindung gebracht. Eine eindeutige archäologische Identifizierung ist jedoch bisher nicht gelungen.
Die Schlacht von Noreia 113 v. Chr.
Die erste große historische Bedeutung erlangte Noreia im Zusammenhang mit dem Kimbernzug.
Im Jahr 113 v. Chr. traf ein römisches Heer unter dem Konsul Gnaeus Papirius Carbo auf die Kimbern. Die Auseinandersetzung fand bei Noreia statt und endete mit einer schweren Niederlage der Römer.
Strabon berichtet, dass Noreia in der Nähe des Ortes lag, an dem Carbo gegen die Kimbern geschlagen wurde. Die Niederlage gehört zu den frühen großen militärischen Begegnungen zwischen Rom und den aus dem Norden kommenden Kimbern und steht damit am Beginn der späteren Kimbern- und Teutonengefahr für Rom.
Strabon, Geographika 5,1,8
Noreia und die Boier
Rund ein halbes Jahrhundert später taucht Noreia erneut in den Quellen auf. Diesmal sind die Boier die Angreifer.
Caesar berichtet, dass die Boier ursprünglich jenseits des Rheins gelebt und anschließend in das Gebiet Noricum gezogen waren. Dort griffen sie Noreia an:
Boiosque, qui trans Rhenum incoluerant et in agrum Noricum transierant Noreiamque oppugnabant, receptos ad se socios sibi adsciscunt.
Die Helvetier nahmen die Boier, die zuvor Noreia belagert hatten, schließlich als Verbündete in ihren eigenen Verband auf.
Caesar, De bello Gallico 1,5,4
Die Boier ziehen mit den Helvetiern nach Gallien
Die Boier wurden schließlich Teil des großen Zuges, der 58 v. Chr. unter Führung der Helvetier nach Gallien zog.
Zusammen mit den Helvetiern, Raurikern, Tulingern und Latobrigern bildeten sie den großen Wanderungsverband, dem Caesar im Gallischen Krieg gegenüberstand. Nach der Niederlage bei Bibracte wurden die Boier allerdings anders behandelt als die übrigen Gruppen.
Während die Helvetier, Tulingi und Latobriger in ihre ursprünglichen Gebiete zurückkehren mussten, wurden die Boier auf Bitten der Häduer in deren Gebiet angesiedelt.
Noreia und die römische Expansion
Noreia lag in einer Region, die für Rom wirtschaftlich und strategisch von großer Bedeutung war. Besonders die Metallvorkommen Noricums machten das Gebiet interessant. Strabon erwähnt ausdrücklich die Goldgewinnung und Eisenverarbeitung in der Umgebung von Noreia.
Die Beziehungen zwischen Rom und dem Norischen Königreich waren zunächst nicht durch eine direkte Eroberung geprägt. Rom stand vielmehr in politischen und wirtschaftlichen Beziehungen mit den norischen Herrschern.
Erst unter Augustus wurde das Gebiet schließlich in den römischen Herrschaftsbereich eingegliedert. Die römische Eroberung des norischen Raumes erfolgte in den Jahren 16/15 v. Chr.; anschließend veränderte sich auch die politische Bedeutung Noreias grundlegend.
Der Niedergang von Noreia
Mit der römischen Herrschaft veränderte sich die Siedlungs- und Verwaltungsstruktur des Gebietes. Noreia verlor seine frühere Bedeutung zugunsten anderer Zentren, insbesondere Virunum, das sich in der römischen Kaiserzeit zu einem wichtigen Verwaltungszentrum Noricums entwickelte.
Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang der Bericht des Plinius des Älteren. Er zählt Noreia zu den Städten der Taurisker, die zu seiner Zeit bereits untergegangen waren:
Tauriscis Noreia.
Plinius der Ältere, Naturalis historia 3,131
Noreia in der Tabula Peutingeriana
Eine besondere Schwierigkeit entsteht durch die Tabula Peutingeriana, eine mittelalterlich überlieferte Kopie einer spätantiken Straßenkarte. Dort erscheint ebenfalls ein Ort namens Noreia.
Das hat zu der Frage geführt, ob Noreia nach dem Untergang der alten Stadt unter demselben Namen weiterexistierte oder ob es mehrere Orte dieses Namens gab. Die Forschung hält es jedoch auch für möglich, dass die doppelte Nennung auf einen Überlieferungs- beziehungsweise Kopierfehler zurückgeht.
Deshalb darf das Noreia der Tabula Peutingeriana nicht ohne Weiteres mit der von Caesar und Strabon erwähnten keltischen Stadt gleichgesetzt werden.
Noreia – Stadt oder auch Göttin?
Der Name Noreia bezeichnete in der Antike nicht nur eine Stadt. Noreia war auch der Name einer norischen Gottheit, die vor allem in der römischen Kaiserzeit durch Inschriften bezeugt ist.
Die genaue Beziehung zwischen dem Namen der Stadt, dem Namen des norischen Landes und der Göttin ist nicht vollständig geklärt. Sicher ist jedoch, dass Noreia als göttliche Gestalt in der religiösen Welt des römischen Noricums eine Rolle spielte.
Für die Stadtgeschichte sollte man deshalb zwischen Noreia als Ortsnamen und Noreia als Göttin unterscheiden.
Die Suche nach der verlorenen Stadt
Seit Jahrhunderten versuchen Historiker und Archäologen, die antike Stadt zu identifizieren. Verschiedene Orte in Steiermark und Kärnten wurden vorgeschlagen.
Besonders der Magdalensberg wurde wegen seiner bedeutenden keltischen und römischen Siedlung wiederholt als Kandidat betrachtet. Eine zwingende Identifizierung mit Noreia konnte jedoch nicht erbracht werden. Auch andere Lokalisierungsversuche, etwa im Raum Neumarkt in der Steiermark, wurden vorgeschlagen und später wieder in Frage gestellt.
Ein besonders bekanntes Beispiel ist St. Margarethen am Silberberg in der Steiermark. Dort glaubte man im 20. Jahrhundert, Noreia gefunden zu haben. Der Ort wurde 1930 sogar offiziell in „Noreia“ umbenannt. Spätere Untersuchungen zeigten jedoch, dass die dortigen archäologischen Überreste zu einer mittelalterlichen Siedlung gehören und nicht als Beweis für das antike Noreia dienen können.
Heute gilt daher: Noreia ist noch nicht sicher lokalisiert.