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Der Volksstamm der Rauricer – Lage, Geschichte und Rolle im Gallischen Krieg
Wer waren die Rauricer?
Die Rauriker (Rauraci bzw. Raurici) waren ein keltischer Volksstamm am südlichen Oberrhein. Ihr Siedlungsgebiet lag vor allem in der Umgebung des heutigen Basel, im Oberelsass, im südlichen Baden und entlang der angrenzenden Juraketten.
Im Vergleich zu den benachbarten Helvetiern werden die Rauriker in den antiken Quellen nur relativ selten erwähnt. Dennoch lässt sich ihre Bedeutung durch archäologische Funde gut erkennen. Besonders die Region um Basel war bereits vor Caesars Gallischem Krieg ein bedeutendes Siedlungs- und Handelsgebiet.
Das Historische Lexikon der Schweiz ordnet den Raurikern insbesondere die Siedlung Basel-Gasfabrik und das spätere befestigte Oppidum auf dem Basler Münsterhügel zu. Damit gehörten sie zu den keltischen Gemeinschaften, die im Gebiet des südlichen Oberrheins eine ausgeprägte Siedlungs- und Wirtschaftsstruktur entwickelt hatten.
Das Siedlungsgebiet der Rauriker
Das genaue Gebiet der Rauriker lässt sich nicht mit absoluter Sicherheit bestimmen, da die antiken Quellen nur wenige Angaben liefern. Sicher ist jedoch ihre Verbindung mit dem Oberrhein und der Region um Basel.
Das Gebiet erstreckte sich wahrscheinlich über Teile des heutigen Nordwestschweizer Raumes, des Oberelsass und des südlichen Baden. Im Süden und Südwesten grenzte das Gebiet an die Siedlungsräume der Helvetier und Sequaner.
Gerade die Lage am Rhein war von großer strategischer Bedeutung. Der Rhein bildete eine wichtige Verkehrs- und Handelsroute und zugleich die Grenze zu den germanischen Gebieten östlich des Flusses.
Die Rauriker befanden sich damit in einer Übergangszone zwischen Gallien, dem Alpenraum und Germanien.
Caesar, De bello Gallico 1,5,4; 1,29,2
Der Auszug der Rauriker im Jahr 58 v. Chr.
Als die Helvetier im Jahr 58 v. Chr. ihre Heimat verlassen wollten, schlossen sich ihnen auch die Rauriker an.
Caesar berichtet, dass die Helvetier ihre Nachbarn, die Rauriker, Tulingi und Latobrigier, davon überzeugten, denselben Plan zu verfolgen.
Die beteiligten Völker sollten ihre befestigten Siedlungen und Dörfer niederbrennen und gemeinsam mit den Helvetiern nach Westen ziehen.
Caesar, De bello Gallico 1,5,4
Der Plan war außergewöhnlich umfangreich. Die verschiedenen Gemeinschaften wollten ihre bisherige Heimat aufgeben und sich gemeinsam in einem neuen Gebiet Galliens niederlassen.
Die Rauriker waren damit nicht bloß zufällige Begleiter der Helvetier, sondern gehörten zu denjenigen Völkern, die sich bewusst an dem großen Auswanderungsunternehmen beteiligten.
Die Rauriker auf dem Weg nach Westen
Die Rauriker zogen gemeinsam mit den Helvetiern, Tulingern, Latobrigern und Boiern nach Westen.
Nach Caesars Darstellung umfasste der gesamte Zug eine gewaltige Zahl von Menschen. Als Caesar nach der Schlacht bei Bibracte die Bevölkerung zählen ließ, wurden unter anderem 23.000 Rauriker erfasst.
Caesar überliefert folgende Zahlen:
Helvetier: 263.000
Tulingi: 36.000
Latobrigi: 14.000
Rauriker: 23.000
Boier: 32.000
Insgesamt kam Caesar auf etwa 368.000 Menschen, von denen rund 92.000 waffenfähig gewesen seien.
Caesar, De bello Gallico 1,29,2–3
Diese Zahlen müssen allerdings mit Vorsicht behandelt werden. Sie stammen ausschließlich aus Caesars Darstellung und lassen sich nicht unabhängig überprüfen. Für die Rauriker zeigen sie dennoch, dass Caesar sie als eine durchaus beträchtliche Gemeinschaft wahrnahm.
Die Niederlage bei Bibracte
Der Auszug der Rauriker endete ebenso wie der der Helvetier mit Caesars Sieg bei Bibracte im Jahr 58 v. Chr.
Nachdem Caesar die Helvetier besiegt hatte, ließ er die beteiligten Völker in ihre ursprünglichen Siedlungsgebiete zurückkehren. Die Rauriker werden an dieser Stelle von Caesar allerdings nicht ausdrücklich einzeln genannt: In Bellum Gallicum 1,28 nennt er die Helvetier, Tulingi und Latobrigier als diejenigen, die zurückkehren sollten.
Aus der späteren Überlieferung und Forschung wird jedoch geschlossen, dass auch die Rauriker in ihr ursprüngliches Gebiet zurückkehrten und dort unter römischer Oberhoheit weiterbestanden.
Das Historische Lexikon der Schweiz bezeichnet sie nach ihrer Niederlage als foederati, also als mit Rom verbündete beziehungsweise vertraglich gebundene Gemeinschaft.
Caesar, De bello Gallico 1,28–29
Die Rauriker und der gallische Aufstand von 52 v. Chr.
Besonders interessant ist, dass die Rauriker 52 v. Chr. erneut in Caesars Bellum Gallicum erscheinen.
Nach der Niederlage Caesars gegen Vercingetorix bei Gergovia und während der Belagerung von Alesia beschlossen die Gallier, ein großes Entsatzheer aufzustellen.
Dabei sollte nicht jeder waffenfähige Mann einberufen werden. Stattdessen wurde für jedes Volk eine bestimmte Zahl von Kämpfern festgelegt.
Für die Rauriker und die Boier wurden jeweils 2.000 Männer verlangt.
Caesar, De bello Gallico 7,75,3
Die Rauriker im Entsatzheer von Alesia
Die Beteiligung der Rauriker am Aufstand von 52 v. Chr. ist besonders aufschlussreich.
Nur wenige Jahre zuvor waren sie gemeinsam mit Caesar gegen die Helvetierbewegung gescheitert und anschließend in ihre Heimat zurückgekehrt. Nun unterstützten sie die große gallische Koalition unter Vercingetorix.
Damit zeigt sich, dass ihre politische Integration in das römische Machtgefüge keineswegs bedeutete, dass sie dauerhaft auf einen Widerstand gegen Rom verzichteten.
Zusammen mit den Boiern sollten die Rauriker 2.000 Kämpfer für das Entsatzheer stellen.
Das Kontingent war zwar wesentlich kleiner als beispielsweise das der Häduer oder Arverner, aber es zeigt eindeutig, dass die Rauriker am großen gallischen Widerstand beteiligt waren.
Die Colonia Raurica
Nach Caesars Tod wurde das Gebiet der Rauriker zunehmend in die römische Herrschaftsordnung eingebunden.
Im Jahr 44 v. Chr. gründete Lucius Munatius Plancus eine Kolonie mit dem Namen Colonia Raurica. Die Gründung ist durch seine Grabinschrift bezeugt, in der ausdrücklich erwähnt wird, dass er in Gallien unter anderem die Kolonien Lugdunum und Raurica gründete.
CIL X 6087
Die genaue Lokalisierung der ursprünglichen plancischen Kolonie ist allerdings nicht vollständig gesichert. Lange wurde angenommen, sie habe unmittelbar beim heutigen Augst gelegen. Archäologisch lassen sich dort jedoch keine eindeutigen Siedlungsspuren aus der Zeit unmittelbar um 44 v. Chr. nachweisen.
Die später blühende Stadt Augusta Raurica entwickelte sich erst in augusteischer Zeit zu einem bedeutenden römischen Zentrum.
Das weitere Schicksal der Rauriker
Auch nach der Gründung von Augusta Raurica verschwanden die Rauriker als Gemeinschaft nicht sofort.
Neben der römischen Kolonie bestand weiterhin eine Civitas Rauricorum, also eine territoriale Gemeinschaft der Rauriker. Das Historische Lexikon der Schweiz betont, dass über ihre innere Organisation nur sehr wenig bekannt ist.
Als möglicher Hauptort wird Argentovaria genannt, das wahrscheinlich im heutigen Oedenburg bei Biesheim im Elsass zu lokalisieren ist.
Ptolemaios, Geographia 2,9
Die Rauriker blieben damit auch in der römischen Kaiserzeit als regionale Gemeinschaft erkennbar, während gleichzeitig ihre Gebiete immer stärker in die römische Verwaltungs- und Wirtschaftsordnung integriert wurden.