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Der Volksstamm der Latobriger - Lage und Rolle im Gallischen Krieg
Die Latobriger (lateinisch Latobrigi, bei Caesar auch Latobici bzw. Latovici) waren ein kleiner keltischer Volksverband im Umfeld der Helvetier.
Bekannt sind sie fast ausschließlich aus Caesars Bericht über den Helvetierzug von 58 v. Chr.: Gemeinsam mit den Helvetiern, Raurikern, Tulingern und Boiern zogen sie nach Westen, wurden bei Bibracte geschlagen und anschließend von Caesar zur Rückkehr in ihre Heimat gezwungen. Über ihre eigene politische Organisation und ihre Geschichte außerhalb dieses Feldzuges ist dagegen kaum etwas bekannt.
Die Lage der Latobriger
Das größte Problem bei der Beschäftigung mit den Latobrigern ist ihre genaue geographische Einordnung. Caesar bezeichnet sie bei der Vorbereitung des Helvetierzuges zusammen mit den Raurikern und Tulingern als finitimi, also als Nachbarn der Helvetier. Eine genaue Beschreibung ihres Landes liefert er jedoch nicht.
Caesar, De bello Gallico 1,5,4
Aus diesem Grund lassen sich die Latobriger nicht so sicher lokalisieren wie beispielsweise die Rauriker, deren Zentrum im Raum Basel wesentlich besser erschlossen ist.
In der Forschung wird ihr Gebiet allgemein in der Nähe der Helvetier und des Hochrheins gesucht. Das Historische Lexikon der Schweiz hält eine Ansiedlung im Gebiet der heutigen Nordschweiz und Süddeutschlands auf beiden Seiten des Rheins für möglich. Als möglicher Hauptort wird Iuliomagus, das heutige Schleitheim im Kanton Schaffhausen, vorgeschlagen. Diese Zuordnung ist allerdings nicht gesichert.
Der große Auszug von 58 v. Chr.
Im Jahr 58 v. Chr. beteiligten sich die Latobriger am großen Auszug der Helvetier. Die Helvetier hatten beschlossen, ihr bisheriges Siedlungsgebiet zu verlassen und nach Westen zu ziehen. Sie wollten ihre Städte und Dörfer niederbrennen, damit eine Rückkehr unmöglich wurde.
Die Latobriger schlossen sich diesem Vorhaben an und zerstörten ebenfalls ihre Siedlungen. Zusammen mit den Helvetiern, Raurikern, Tulingern und Boiern bildeten sie einen ungewöhnlich großen Wanderungsverband.
Für Caesar war diese Bewegung von großer Bedeutung. Er wollte verhindern, dass die von den Helvetiern verlassenen Gebiete dauerhaft unbewohnt blieben und dadurch germanische Gruppen über den Rhein nachrücken konnten. Nach seiner Darstellung hätte dies die Sicherheit der römischen Provinz Gallien und der mit Rom verbündeten Allobroger gefährdet.
Wie groß der Anteil der Latobriger an dem Zug war, erfahren wir aus Caesars Aufstellung der Bevölkerung. Nach der Niederlage fand Caesar im Lager der Helvetier Listen, die in griechischen Buchstaben geschrieben waren und die Zahl der Auswanderer nach einzelnen Bevölkerungsgruppen aufführten.
Für die Latobriger nennt Caesar 14.000 Menschen:
Helvetier: 263.000
Tulingi: 36.000
Latobriger: 14.000
Rauriker: 23.000
Boier: 32.000
Insgesamt soll der Auswanderungszug damit 368.000 Menschen umfasst haben; etwa 92.000 davon waren nach Caesars Angaben kampffähig.
Caesar, De bello Gallico 1,29,1–3
Die Latobriger bildeten damit den kleinsten der fünf von Caesar aufgeführten Verbände. Dennoch handelte es sich mit 14.000 Menschen um eine beträchtliche Gemeinschaft.
Wie bei den anderen Bevölkerungszahlen Caesars sollte man allerdings vorsichtig sein: Die Zahlen stammen ausschließlich aus Caesars Darstellung und lassen sich nicht unabhängig überprüfen.
Die Rolle im Krieg gegen Caesar
Die Latobriger waren nicht die eigentlichen Initiatoren des Feldzuges. Die führende Rolle hatten die Helvetier, während die anderen Gemeinschaften als Verbündete bzw. angeschlossene Verbände am Unternehmen teilnahmen.
Ihre militärische Rolle lässt sich deshalb nur schwer genauer bestimmen. Caesar erwähnt keinen eigenen Anführer der Latobriger und berichtet auch keine eigenständige militärische Aktion dieses Verbandes.
Die Latobriger waren vielmehr Teil des großen Heeres, das nach Westen zog und schließlich gegen Caesar kämpfte. Ihre Beteiligung zeigt, dass der Helvetierzug kein ausschließlich helvetisches Unternehmen war, sondern mehrere benachbarte Bevölkerungsgruppen umfasste.
Die Schlacht bei Bibracte
Der Zug endete schließlich mit der Schlacht bei Bibracte im Jahr 58 v. Chr. Caesar konnte die Helvetier und ihre Verbündeten entscheidend schlagen. Die geschlagenen Gruppen zogen sich anschließend in Richtung des Gebietes der Lingonen zurück und mussten sich schließlich Caesar unterwerfen.
Die Latobriger werden bei Caesar nicht als eigenständige militärische Kraft hervorgehoben. Ihre Bedeutung liegt vielmehr darin, dass sie einen Teil des großen Bündnisses bildeten, das gemeinsam mit den Helvetiern gegen Caesar auftrat.
Die Rückkehr in die Heimat
Nach dem Sieg entschied Caesar, dass die Latobriger nicht in Gallien bleiben sollten. Zusammen mit den Helvetiern und Tulingern befahl er ihnen, in die Gebiete zurückzukehren, aus denen sie aufgebrochen waren:
Helvetios, Tulingos, Latobrigos in fines suos, unde erant profecti, reverti iussit.
Caesar, De bello Gallico 1,28,3
Diese Anordnung hatte einen klaren politischen und strategischen Hintergrund. Die verlassenen Gebiete sollten nicht unbewohnt bleiben. Caesar befürchtete, dass sonst Germanen vom rechten Rheinufer in das ehemalige Gebiet der Helvetier einwandern und dadurch in unmittelbare Nähe der römischen Provinz Gallien gelangen könnten.
Die Latobriger mussten deshalb ebenso wie die Helvetier und Tullinger ihre Rückkehr antreten. Da sie ihre Siedlungen beim Aufbruch selbst zerstört hatten, ordnete Caesar außerdem an, dass sie ihre Städte und Dörfer wiederaufbauen sollten. Die Allobroger sollten ihnen zunächst Getreide zur Verfügung stellen, damit sie die Rückkehr überstehen konnten.
Iuliomagus – das mögliche Zentrum der Latobriger
Eine häufig genannte Hypothese verbindet die Latobriger mit Iuliomagus, dem heutigen Schleitheim im Kanton Schaffhausen. Iuliomagus ist als antiker Ort überliefert; die Verbindung mit den Latobrigern ist jedoch keine direkt bezeugte Tatsache.
Das Historische Lexikon der Schweiz formuliert entsprechend vorsichtig, dass Iuliomagus als möglicher Hauptort der Latobriger vorgeschlagen wurde. Auch in der Forschung wird diese Zuordnung nicht als sicher angesehen.
Die Latobriger nach 58 v. Chr.
Nach ihrer Rückkehr verschwinden die Latobriger praktisch aus den historischen Quellen. Caesar erwähnt sie nach De bello Gallico 1,29 nicht mehr. Es gibt daher keine gesicherte Darstellung ihrer weiteren Geschichte im 1. Jahrhundert v. Chr.
Auch spätere Versuche, die Latobriger mit anderen keltischen Bevölkerungsgruppen gleichen oder ähnlichen Namens zu verbinden, sind problematisch.
Besonders wichtig ist die Unterscheidung von den Latobikern in Pannonien, die während der römischen Kaiserzeit im Gebiet des heutigen Slowenien bezeugt sind. Ob diese mit den von Caesar genannten Latobrigern identisch oder mit ihnen verwandt waren, ist umstritten.