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Der Volksstamm der Boier - Siedlungsgebiet und Rolle im Gallischen Krieg
Die Boier (Boii) waren ein keltischer Volksverband, der in der Antike an mehreren Orten Europas bezeugt ist.
Für den Gallischen Krieg sind vor allem jene Boier wichtig, die Caesar gemeinsam mit den Helvetiern nach Gallien kommen lässt. Sie schlossen sich 58 v. Chr. dem großen Auszug der Helvetier an, wurden bei Bibracte besiegt und anschließend nicht wie die Helvetier in ihre ursprüngliche Heimat zurückgeschickt, sondern auf dem Gebiet der Häduer angesiedelt.
Dort bildeten sie mit Gorgobina einen eigenen Siedlungsschwerpunkt und spielten 52 v. Chr. erneut eine wichtige Rolle, als Vercingetorix ihre Stadt belagerte.
Die ursprüngliche Lage der Boier
Die Frage nach der Heimat der Boier ist komplizierter als bei vielen anderen gallischen Völkern, weil der Name Boii in verschiedenen Regionen der antiken Welt begegnet. Besonders bekannt sind die Boier im Gebiet des heutigen Böhmen, dessen antiker Name Boihaemum mit ihnen verbunden wurde.
Tacitus berichtet am Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr., dass sowohl die Helvetier als auch die Boier einst Gebiete jenseits des Rheins bewohnt hätten und nennt ausdrücklich Boihaemum als Erinnerung an die frühere Besiedlung.
Daneben gab es Boier im nördlichen Italien sowie im Donauraum. Die verschiedenen boischen Gruppen lassen sich jedoch nicht ohne Weiteres zu einer einzigen, geschlossenen Wanderungsgeschichte verbinden. Die moderne Forschung weist darauf hin, dass Namensgleichheit allein noch nicht beweist, dass alle antiken Boiergruppen derselben politischen Gemeinschaft angehörten.
Für Caesars Bericht über den Gallischen Krieg ist vor allem wichtig, dass die von ihm erwähnten Boier vor ihrer Ankunft in Gallien im Raum des heutigen Österreichs bzw. des damaligen Noricum lebten.
Die Boier in Noricum
Caesar berichtet, dass die Boier ursprünglich jenseits des Rheins gelebt und sich anschließend in das Gebiet Noricum begeben hätten. Dort griffen sie gemeinsam mit anderen Kräften die Stadt Noreia an. Die Helvetier nahmen die Boier anschließend als Verbündete in ihren Verband auf.
Caesar, De bello Gallico 1,5,4
Die Boier schließen sich den Helvetiern an
Als die Helvetier beschlossen, ihre Heimat zu verlassen und nach Westen zu ziehen, schlossen sich ihnen mehrere andere Gruppen an. Caesar nennt ausdrücklich die Rauriker, Tulingi, Latobriger und Boier.
Die Boier unterschieden sich dabei etwas von den anderen Verbänden: Sie waren offenbar nicht ursprünglich unmittelbare Nachbarn der Helvetier, sondern waren zuvor in Noricum ansässig gewesen. Caesar schreibt, dass die Helvetier die Boier als Verbündete (socios) aufnahmen.
Caesar, De bello Gallico 1,5,4
Gemeinsam mit den Helvetiern zogen sie anschließend nach Westen. Damit wurden die Boier zu einem Bestandteil des großen Wanderungsverbandes, der Caesar im Jahr 58 v. Chr. gegenüberstand.
Nach der Niederlage bei Bibracte fand Caesar im Lager der Helvetier Aufzeichnungen über die Zahl der einzelnen Bevölkerungsgruppen. Für die Boier nennt er 32.000 Menschen.
Seine Aufstellung lautet:
Helvetier: 263.000
Tulingi: 36.000
Latobriger: 14.000
Rauriker: 23.000
Boier: 32.000
Insgesamt soll der Zug damit 368.000 Menschen umfasst haben. Von diesen waren nach Caesars Angaben etwa 92.000 Männer imstande, Waffen zu tragen.
Caesar, De bello Gallico 1,29,1–3
Die Zahl von 32.000 ist allerdings mit Vorsicht zu behandeln. Sie stammt ausschließlich aus Caesars Darstellung und lässt sich nicht unabhängig überprüfen.
Die Niederlage bei Bibracte
58 v. Chr. kam es schließlich zur entscheidenden Auseinandersetzung mit Caesar bei Bibracte. Die Helvetier und ihre Verbündeten wurden besiegt.
Für die Boier hatte die Niederlage allerdings eine besondere Folge. Während Caesar die Helvetier sowie Tulingi und Latobriger zur Rückkehr in ihre früheren Gebiete zwang, sollten die Boier in Gallien bleiben.
Der Grund dafür lag vor allem in der Haltung der Häduer.
Die Ansiedlung bei den Häduern
Die Häduer baten Caesar darum, die Boier in ihrem Gebiet ansiedeln zu dürfen. Caesar stimmte diesem Wunsch zu, weil die Boier sich im Krieg als besonders tapfer erwiesen hätten:
Boiōs, petentibus Aeduīs, quod egregiā virtūte erant cogniti, ut in fīnibus suīs collocārent, concessit.
Caesar erlaubte den Boiern also auf Bitte der Häduer, sich in deren Gebiet niederzulassen. Die Häduer überließen ihnen Land und nahmen sie anschließend in eine Rechts- und Freiheitsgemeinschaft auf, die der eigenen vergleichbar war.
Caesar, De bello Gallico 1,28,5
Gorgobina – das Zentrum der Boier
Das wichtigste bekannte Siedlungszentrum der Boier in Gallien war Gorgobina, das Caesar ausdrücklich als oppidum der Boier bezeichnet.
Caesar, De bello Gallico 7,9,6
Die genaue Lage von Gorgobina ist allerdings nicht völlig gesichert. Häufig wird das Oppidum im Gebiet um Sancerre am Oberlauf der Loire gesucht. Die Identifizierung beruht vor allem auf historischen und geographischen Argumenten; eindeutige archäologische Beweise für die Gleichsetzung mit Sancerre fehlen.
Die Boier im Gallischen Aufstand von 52 v. Chr.
Die Boier blieben auch nach ihrer Ansiedlung bei den Häduern politisch und militärisch bedeutsam. Dies zeigt sich besonders deutlich im Jahr 52 v. Chr.
Als sich unter Vercingetorix ein großer Aufstand gegen Caesar entwickelte, zog Vercingetorix in das Gebiet der Biturigen. Von dort wandte er sich gegen Gorgobina, das Oppidum der Boier.
Caesar beschreibt die Boier ausdrücklich als jene, die er nach dem Helvetierkrieg dort angesiedelt und den Häduern unterstellt hatte:
Gorgobinam, Boiorum oppidum, quos ibi Helvetico proelio victos Caesar conlocaverat Haeduisque attribuerat, oppugnare instituit.
Caesar, De bello Gallico 7,9,6
Die Belagerung der Boier war für Caesar ein ernstes Problem. Er sah darin nicht nur eine Gefahr für einen kleinen Volksverband, sondern auch einen Angriff auf seine politischen Verbündeten und Schutzbefohlenen.
Caesar eilt den Boiern zu Hilfe
Caesar entschloss sich deshalb, den Boiern zu Hilfe zu kommen. Er ließ ihnen seine bevorstehende Ankunft ankündigen und forderte sie auf, treu zu bleiben und dem Angriff standzuhalten. Anschließend marschierte er selbst mit seinen Truppen zu ihnen.
Caesar, De bello Gallico 7,10,3–4
Die Boier spielten damit eine interessante Rolle in Caesars Strategie: Ihre kleine Gemeinschaft war zwar nicht stark genug, den gallischen Aufstand allein zu entscheiden, aber ihr Gebiet lag an einer Stelle, die Caesar nicht preisgeben wollte.
Die Verteidigung Gorgobinas zwang Caesar sogar zu einem schnellen militärischen Eingreifen. Vercingetorix brach daraufhin die Belagerung ab, als er von Caesars Anmarsch erfuhr.
Die Boier und die gallische Koalition
Trotz ihrer besonderen Verbindung zu Caesar und den Häduern standen die Boier 52 v. Chr. schließlich auf Seiten der gallischen Koalition. Bei der Vorbereitung des Entsatzheeres für Alesia wurde auch von ihnen ein Kontingent verlangt.
Caesar nennt für die Boier zusammen mit den Raurikern jeweils 2.000 Kämpfer:
Rauracis et Boiis bina.