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Der Volksstamm der Santonen – Lage, Geschichte und Bedeutung
Die Santonen (Santones) waren ein bedeutender keltischer Volksverband an der Atlantikküste im Südwesten Galliens. Ihr Siedlungsgebiet lag vor allem im Bereich der heutigen Landschaft Saintonge zwischen der unteren Charente, der Atlantikküste und der Gironde.
Ihr Hauptort wurde später Mediolanum Santonum, das heutige Saintes. Bereits in Caesars De bello Gallico treten die Santonen als ein politisch und militärisch bedeutender Stamm hervor: 58 v. Chr. standen sie im Zusammenhang mit der geplanten Wanderung der Helvetier, 56 v. Chr. stellten sie Schiffe für Caesars Krieg gegen die Veneter zur Verfügung und 52 v. Chr. entsandten sie 12.000 Kämpfer zum Entsatzheer für Vercingetorix bei Alesia.
Die Lage des Gebietes der Santonen
Das Gebiet der Santonen lag im westlichen Gallien unmittelbar am Atlantischen Ozean. Es umfasste im Wesentlichen die spätere Saintonge und damit ungefähr Teile der heutigen Départements Charente und Charente-Maritime sowie angrenzende Gebiete. Im Norden schloss sich das Gebiet der Pictonen an, während die Biturigen und weitere gallische Völker weiter östlich beziehungsweise südöstlich lagen. Die südliche Begrenzung bildete die Gironde beziehungsweise der Unterlauf der Garonne.
Ihre Lage war wirtschaftlich ausgesprochen günstig. Das Gebiet besaß Zugang zu den Flüssen und zur Atlantikküste und lag an Verkehrswegen, die das Binnenland mit der Küste verbanden. Archäologische Untersuchungen zeigen außerdem eine intensive ländliche Besiedlung während der späten Eisenzeit. Besonders die Küstenregion wurde unter anderem zur Salzgewinnung genutzt. Auf dem ehemaligen Küstengebiet der Santonen sind zahlreiche eisenzeitliche Siedlungs- und Produktionsplätze nachgewiesen.
Die Santonen vor dem Gallischen Krieg
Über die Geschichte der Santonen vor Caesars Eroberung ist vergleichsweise wenig bekannt. Archäologisch lässt sich ihre Besiedlung vor allem für die Latènezeit, also die jüngere Eisenzeit, gut fassen. In ihrem Gebiet sind zahlreiche ländliche Siedlungen sowie mehrere größere befestigte Plätze nachgewiesen.
Auch Münzfunde belegen die wirtschaftliche und politische Bedeutung des Stammes. Es sind Münzen bekannt, die den Namen der Santonen in der Form Santonos tragen. Sie gehören in die Zeit vor beziehungsweise unmittelbar um die römische Eroberung und zeigen, dass die Santonen in das überregionale keltische Münz- und Handelswesen eingebunden waren.
Die Santonen und die geplante Wanderung der Helvetier
Die erste ausführlichere Erwähnung der Santonen bei Caesar steht unmittelbar mit dem Beginn des Gallischen Krieges in Zusammenhang.
58 v. Chr. planten die Helvetier, ihr bisheriges Siedlungsgebiet zu verlassen und sich in einem neuen Gebiet niederzulassen. Caesar berichtet, dass sie durch das Gebiet der Sequaner und Häduer in das Gebiet der Santonen ziehen wollten:
Caesar, De bello Gallico 1,10,1
Caesari renuntiatur Helvetiis esse in animo per agrum Sequanorum et Haeduorum iter in Santonum fines facere.
Den Santonen kam damit eine besondere Rolle bei der geplanten Wanderung der Helvetier zu. Caesar befürchtete, dass ein so großer und militärisch erfahrener Volksverband in unmittelbarer Nähe der römischen Provinz eine Gefahr darstellen könnte.
Besonders wichtig ist dabei, dass Caesar ausdrücklich die Lage des Santonen-Gebietes im Verhältnis zur Gallia Transalpina erwähnt. Die Santonen selbst gehörten nicht zur römischen Provinz, ihr Gebiet lag jedoch nicht weit von den Tolosaten entfernt, deren civitas bereits Bestandteil der Provinz war.
Die Santonen und der Krieg gegen die Veneter
Besonders deutlich wird die Bedeutung der Santonen im Jahr 56 v. Chr.
In diesem Jahr führte Caesar Krieg gegen die Veneter in der Bretagne. Die Veneter verfügten über eine starke Flotte und konnten sich aufgrund ihrer Küstenlage und der Gezeiten zunächst erfolgreich gegen die Römer behaupten.
Caesar ließ deshalb eine eigene Flotte aufbauen und griff dabei auf die Unterstützung gallischer Gemeinschaften zurück. Zu den Völkern, die Schiffe zur Verfügung stellen mussten, gehörten ausdrücklich die Pictonen und Santonen:
Caesar, De bello Gallico 3,11,5
D. Brutum adulescentem classi Gallicisque navibus, quas ex Pictonibus et Santonis reliquisque pacatis regionibus convenire iusserat, praeficit...
Die Santonen im gallischen Widerstand von 52 v. Chr.
52 v. Chr. erhob sich unter der Führung des Arverners Vercingetorix ein großer Teil Galliens gegen Caesar. Als Vercingetorix in Alesia eingeschlossen wurde, beschlossen die gallischen Anführer, ein großes Entsatzheer zusammenzustellen.
Dabei wurde für jede civitas eine bestimmte Zahl von Kämpfern festgelegt. Den Santonen wurden gemeinsam mit den Senonen, Biturigen, Rutenern und Karnuten jeweils 12.000 Männer auferlegt:
Caesar, De bello Gallico 7,75,3
Senonibus, Biturigibus, Santonis, Rutenis, Carnutibus duodena milia.
Die Santonen sollten damit eine der größeren Truppenmengen des Entsatzheeres stellen. Insgesamt zeigt die von Caesar überlieferte Liste, dass die Santonen zu den politisch und militärisch bedeutenden Gemeinschaften Galliens gezählt wurden.
Mediolanum Santonum – das spätere Saintes
Das wichtigste Zentrum der Santonen war Mediolanum Santonum, das heutige Saintes an der Charente.
Der Name Mediolanum ist ein gallischer Ortsname, der auch bei anderen keltischen Siedlungen vorkommt. Mediolanum Santonum lag am Fluss Charente und entwickelte sich unter römischer Herrschaft zu einer bedeutenden Stadt. Die antike Siedlung befand sich an einer strategisch günstigen Stelle, an der ein wichtiger Verkehrsweg den Fluss überquerte.
Dabei ist wichtig, dass Saintes nicht einfach erst durch die Römer gegründet wurde. Archäologische Untersuchungen zeigen eine bereits vor der römischen Eroberung bestehende Besiedlung. Die genaue Entwicklung vom vorrömischen Siedlungsplatz zum römischen Stadtzentrum ist allerdings nicht vollständig geklärt.
Mediolanum wurde schließlich zum politischen Zentrum der civitas der Santonen.
Saintes als Hauptstadt der Gallia Aquitania
Die größte Bedeutung erhielt Mediolanum Santonum unter Augustus.
Bei der Neuordnung Galliens wurde das Gebiet der Santonen der neu organisierten Gallia Aquitania zugeordnet. Mediolanum Santonum wurde zum wichtigsten Verwaltungszentrum der neuen Provinz und entwickelte sich zur ersten Hauptstadt der augusteischen Aquitania. Die Stadt blühte insbesondere im 1. Jahrhundert n. Chr. auf.
Diese Entwicklung war bemerkenswert, weil Saintes damit von einem ursprünglich keltischen Zentrum zu einem wichtigen Verwaltungszentrum des Römischen Reiches wurde.
Die Stadt wurde mit den typischen Einrichtungen einer römischen Stadt ausgestattet. Dazu gehörten unter anderem ein Amphitheater, öffentliche Bauten, Thermen und eine monumentale Stadtarchitektur. Auch die Verkehrsanbindung wurde ausgebaut. Eine wichtige Straße verband Saintes mit Lugdunum (Lyon) und schloss die Stadt damit an das überregionale Straßennetz Galliens an.
Die Bedeutung der Santonen in der römischen Kaiserzeit
Unter römischer Herrschaft entwickelte sich das ehemalige Gebiet der Santonen zu einer stark romanisierten Region. Gleichzeitig blieb der Name der Santonen dauerhaft mit der Landschaft verbunden. Aus der Bezeichnung des Volkes entwickelte sich schließlich der Name Saintonge.
Auch der Name der Stadt veränderte sich im Laufe der Kaiserzeit. Während sie ursprünglich Mediolanum beziehungsweise Mediolanum Santonum hieß, setzte sich in der Spätantike zunehmend eine vom Namen des Volkes abgeleitete Bezeichnung durch. Daraus entwickelte sich schließlich der heutige Name Saintes.
Forschung und moderne Quellen
Jean Hiernard / Dominique Simon-Hiernard, „Les Santons, les Helvètes et la Celtique d’Europe centrale. Numismatique, archéologie et histoire“, Aquitania 16 (1999), S. 93–125.
Princeton Encyclopedia of Classical Sites, „Mediolanum Santonum (Saintes)“ – zur Lage und Entwicklung von Saintes als Hauptort der Santonen und Hauptstadt der augusteischen Aquitania.