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Der Volksstamm der Tolosaten – Lage und Geschichte
Die Tolosaten (Tolosates) waren ein keltischer Volksverband im Südwesten Galliens, dessen Zentrum Tolosa, das heutige Toulouse, war. Sie standen in enger Verbindung mit den Volcae Tectosages, zu deren Machtbereich Tolosa gehörte.
Aufgrund ihrer Lage am oberen Lauf der Garonne nahm ihr Gebiet eine wichtige Stellung zwischen dem Mittelmeerraum, Aquitanien und der Iberischen Halbinsel ein. Bereits in vorrömischer Zeit war Tolosa ein bedeutender Handels- und Siedlungsplatz.
Die Geschichte der Tolosaten ist eng mit der römischen Expansion nach Südgallien verbunden. Zunächst geriet Tolosa in ein Bündnisverhältnis mit Rom, erhob sich jedoch 106 v. Chr. gegen die römische Herrschaft. Der römische Konsul Quintus Servilius Caepio eroberte und plünderte die Stadt. Dabei gelangte ein gewaltiger Schatz in römische Hände, der als „Gold von Tolosa“ (aurum Tolosanum) berühmt wurde.
Zur Zeit Caesars gehörte das Gebiet der Tolosaten bereits fest zur römischen Gallia Transalpina. Caesar bezeichnet Tolosa ausdrücklich als eine civitas, die „in der Provinz“ liegt.
Die Lage der Tolosaten
Das Gebiet der Tolosaten lag im Südwesten des heutigen Frankreichs. Mittelpunkt war Tolosa am Oberlauf der Garonne, die von den Pyrenäen kommend in Richtung Atlantik fließt.
Die Lage war für die Entwicklung des Gebietes ausgesprochen günstig. Die Garonne war in der Umgebung von Tolosa schiffbar und stellte damit eine wichtige Verkehrsverbindung dar. Gleichzeitig lag die Stadt an einer natürlichen Verbindung zwischen dem Mittelmeer und der Atlantikküste.
Besonders bedeutend war die Verbindung Narbo – Tolosa – Burdigala, also zwischen dem Mittelmeerraum, Toulouse und dem heutigen Bordeaux. Über diese Verkehrsachse konnten Waren zwischen dem Mittelmeer und dem Atlantik transportiert werden. Die Lage an der Garonne machte Tolosa daher bereits in vorrömischer Zeit zu einem wichtigen Handelsplatz.
Auch Strabon hebt die besondere geographische Lage von Tolosa hervor. Er beschreibt die Stadt als an der schmalsten Stelle der Landverbindung zwischen dem Mittelmeer bei Narbo und dem Atlantik gelegen.
Strabon, Geographika 4,1,13–14
Tolosaten und Volcae Tectosages
Die ethnische und politische Einordnung der Tolosaten ist nicht ganz einfach. In den antiken Quellen erscheint Tolosa als Hauptort der Volcae Tectosages. Caesar verwendet für die Bewohner der Stadt beziehungsweise ihres Gebietes dagegen die Bezeichnung Tolosates.
Die Tolosaten können deshalb nicht ohne Weiteres als ein völlig unabhängiger Stamm neben den Volcae Tectosages betrachtet werden. Vielmehr bezeichnet Tolosates die Bevölkerung bzw. die politische Gemeinschaft von Tolosa innerhalb des größeren Zusammenhangs der Tectosagen.
Das wird auch durch die spätere römische Überlieferung deutlich. Plinius spricht von den Tolosani Tectosagum, also den Tolosaten beziehungsweise Tolosanern der Tectosagen.
Für die Geschichte der Region ist daher die Kombination aus Volcae Tectosages als größerer Volksverband und den Tolosaten als Einwohnern der Stadt Tolosa zu beachten!
Tolosa in vorrömischer Zeit
Die Region um Toulouse war bereits lange vor der römischen Herrschaft besiedelt. In der Eisenzeit entwickelte sich dort eine bedeutende keltische Siedlungslandschaft.
Die genaue Lage der vorrömischen Stadt Tolosa ist allerdings Gegenstand archäologischer Forschung. Lange wurde vor allem Vieille-Toulouse, etwa fünf Kilometer südlich des heutigen Stadtzentrums, mit dem antiken Tolosa identifiziert. Dort befand sich eine große befestigte Siedlung auf einer Terrasse über der Garonne.
Neuere Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass auch das Gebiet von Saint-Roch innerhalb des heutigen Toulouse eine bedeutende vorrömische Siedlung mit Handelsfunktion besaß.
Die archäologischen Befunde sprechen vielmehr für eine Entwicklung verschiedener Siedlungs- und Funktionszentren. Saint-Roch besaß insbesondere eine Handels- und Hafenfunktion, während Vieille-Toulouse eine große befestigte Siedlung auf der Höhe darstellte.
Tolosa und die Entstehung der Gallia Transalpina
Als Rom ab 125 v. Chr. begann, Südgallien systematisch unter seine Kontrolle zu bringen, geriet auch das Gebiet der Tectosagen in den römischen Einflussbereich.
Die neue römische Provinz wurde als Gallia Transalpina bezeichnet. Sie umfasste zunächst das von Rom kontrollierte Südgallien und wurde später als Gallia Narbonensis bezeichnet.
Tolosa lag dabei etwas abseits des Mittelmeers, war aber wegen seiner Lage an der Verbindung zwischen Mittelmeer und Atlantik von großer strategischer Bedeutung.
Nach der römischen Eroberung des südlichen Galliens bestand zunächst ein Verhältnis zwischen Rom und Tolosa, das zumindest in gewissem Umfang auf Kooperation beruhte. Die genaue institutionelle Form dieses Verhältnisses ist allerdings nicht in allen Einzelheiten überliefert.
Der Aufstand von 106 v. Chr.
Das Verhältnis zwischen Tolosa und Rom verschlechterte sich jedoch wenige Jahrzehnte später.
Um 106 v. Chr. erhoben sich die Tolosaten beziehungsweise die Tectosagen gegen die römische Herrschaft. Die genauen Hintergründe sind nicht vollständig überliefert. Sicher ist, dass der römische Konsul Quintus Servilius Caepio gegen Tolosa vorging.
Caepio eroberte die Stadt und plünderte ihre Heiligtümer.
Strabon, Geographika 4,1,13–14
Die Ereignisse müssen im Zusammenhang mit den großen Wanderbewegungen und Konflikten des späten 2. Jahrhunderts v. Chr. gesehen werden. In dieser Zeit bewegten sich Kimbern, Teutonen und mit ihnen verbundene Gruppen durch Gallien. Die Tectosagen stellten sich zeitweise auf die Seite dieser Gruppen und lösten damit einen neuen Konflikt mit Rom aus.
Das berühmte „Gold von Tolosa“
Mit der Eroberung von Tolosa ist eine der berühmtesten Geschichten der römischen Geschichte verbunden: das „Gold von Tolosa“.
In den Heiligtümern der Stadt befanden sich große Mengen an Gold und Silber. Strabon erklärt den Reichtum des Heiligtums damit, dass zahlreiche Menschen dort wertvolle Opfergaben niedergelegt hätten und niemand gewagt habe, sich an ihnen zu vergreifen.
Strabon, Geographika 4,1,13
Als Caepio Tolosa eroberte, gelangte dieser Schatz in römische Hände. Die Größe der Beute war in der antiken Überlieferung legendär.
Die Herkunft des Schatzes wurde bereits in der Antike mit der berühmten Plünderung von Delphi durch die Kelten im Jahr 279 v. Chr. in Verbindung gebracht. Nach dieser Vorstellung hätten die Tectosagen einen Teil der damals erbeuteten Schätze nach Tolosa gebracht.
Das aurum Tolosanum als römischer Skandal
Die Geschichte des Goldes endete nicht mit der Eroberung Tolosās.
Der Schatz soll auf dem Weg nach Rom teilweise verschwunden sein. Gegen Caepio und andere Beteiligte wurden deshalb Vorwürfe erhoben.
Das Schicksal des aurum Tolosanum wurde schließlich sprichwörtlich. Der Ausdruck „aurum Tolosanum“ konnte geradezu zum Symbol für einen Reichtum werden, der seinem Besitzer Unglück brachte.
Auch Cicero erwähnt die Angelegenheit. Er spricht in De natura deorum von einer Untersuchung des Goldes von Tolosa:
Cicero, De natura deorum 3,74
Die Geschichte erhielt dadurch eine zusätzliche politische Dimension. Caepio selbst erlitt wenige Jahre später eine schwere Niederlage gegen die Kimbern bei Arausio im Jahr 105 v. Chr. Die antike Tradition konnte dieses Unglück mit der angeblichen Freveltat beim Raub des heiligen Goldes verbinden.
Historisch lässt sich eine solche göttliche Vergeltung natürlich nicht nachweisen. Sie gehört zur religiös-moralischen Deutung der Ereignisse in der antiken Überlieferung.
Die Tolosaten unter römischer Herrschaft
Nach der Eroberung wurde Tolosa in die römische Provinz eingegliedert.
Caesar erwähnt die Tolosaten ausdrücklich in seinem Bericht über den Helvetierkrieg. Als Caesar im Jahr 58 v. Chr. von den Plänen der Helvetier erfährt, nach Westen zu ziehen, berichtet er, dass ihr geplantes Zielgebiet, die Santonischen Gebiete, nicht weit von den Grenzen der Tolosaten entfernt lag:
qui non longe a Tolosatium finibus absunt, quae civitas est in provincia.
„[Die Gebiete der Santonen], die nicht weit von den Grenzen der Tolosaten entfernt sind, welche civitas eine Stadt/Gemeinde in der Provinz ist.“
Caesar, De bello Gallico 1,10,1
Tolosa in der römischen Kaiserzeit
Unter römischer Herrschaft entwickelte sich Tolosa zu einem wichtigen städtischen Zentrum.
Besonders wichtig war der Handel mit italischem Wein, der von Narbo aus über Tolosa nach Westen transportiert werden konnte.
Auch die Stadt selbst entwickelte eine zunehmend römische Infrastruktur. In der Kaiserzeit entstanden unter anderem öffentliche Gebäude, Straßen und Befestigungen. Von der römischen Stadt sind heute noch Überreste von Theater, Amphitheater und Aquädukten bekannt.
Das ius Latii
Eine wichtige Etappe in der Entwicklung Tolosās war die Verleihung des lateinischen Rechts (ius Latii).
Nach der modernen Forschung erfolgte diese Verleihung wahrscheinlich in der Zeit zwischen Caesar und Augustus beziehungsweise unter Caesar selbst. Die genaue Datierung ist allerdings nicht sicher.
Das ius Latii stellte eine wichtige Zwischenstufe zwischen der ursprünglichen peregrinen (Fremden = Nicht-Römer) Stellung und dem vollständigen römischen Bürgerrecht dar.
Die Verleihung zeigt, dass Tolosa nun fest in die römische politische Ordnung integriert war.
Tolosa als römische Colonia
Noch später erhielt Tolosa den Rang einer Colonia.
Nach der in der Forschung vertretenen Rekonstruktion erfolgte diese Aufwertung unter Kaiser Domitian im späten 1. Jahrhundert n. Chr.
Die Stadt blieb dabei zugleich ein bedeutendes regionales Zentrum.
Tolosa in der Spätantike
Auch in der Spätantike verlor Tolosa seine Bedeutung nicht.
Im Zuge der Reformen des Diokletian wurde die Stadt der neu gegliederten Provinz Narbonensis Prima zugeordnet.
Die Stadt entwickelte sich außerdem zu einem wichtigen Zentrum des Christentums. Der Überlieferung zufolge war Saturninus der erste Bischof von Tolosa und erlitt während einer Christenverfolgung im 3. Jahrhundert den Märtyrertod.
Damit setzte sich die Bedeutung Tolosās auch nach dem Ende der klassischen römischen Kaiserzeit fort.
Quellen:
Jeanne-Marie Demarolle, „Tolosa“, Der Neue Pauly – zur Geschichte und Entwicklung der Stadt von der vorrömischen Zeit bis in die Spätantike; zusammengefasst im Eintrag der Tabula Peutingeriana.
Musées Occitanie, „La cité romaine de Tolosa“ – zur archäologischen und historischen Entwicklung Tolosas und seiner Stellung als Zentrum der Tolosaten.