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Marcus Octavius Ligus - Ein "Opfer" des Verres
Marcus Octavius Ligus war ein wohlhabender und gesellschaftlich angesehener römischer Mann und Senator, der während der Prätur des Gaius Verres Opfer von dessen korrupter Rechtsprechung wurde.
Cicero führt ihn in den Verrinen als besonders eindrucksvolles Beispiel dafür an, dass Verres selbst vor angesehenen römischen Bürgern nicht zurückschreckte, wenn er sich durch seine richterliche Gewalt persönlich bereichern konnte.
Der ausführlichste Bericht über Ligus findet sich in Cicero, In Verrem, Actio secunda, Buch 1 (De praetura urbana), §§ 125–127.
Wer war Marcus Octavius Ligus?
Über das persönliche Leben des Marcus Octavius Ligus wissen wir leider nur sehr wenig. Ciceros Darstellung ist praktisch unsere wichtigste Quelle.
Was sich aus ihr sicher erschließen lässt, ist jedoch bemerkenswert: Cicero bezeichnet Ligus als einen „homo ornatissimus“, also als einen Mann von besonders angesehener Stellung. Er hebt ausdrücklich dessen Rang, Herkunft, Namen, Charakter, Begabung und Vermögen hervor:
hominem ornatissimum loco, ordine, nomine, virtute, ingenio, copiis
Cicero stellt Ligus damit als einen Mann dar, der in nahezu jeder Hinsicht zur gesellschaftlichen Oberschicht gehörte. Gerade deshalb eignet sich sein Fall für Ciceros Argumentation besonders gut: Wenn Verres schon von einem Mann von solcher Stellung Geld für eine richterliche Entscheidung verlangte, so könne man sich gut vorstellen, wie Verres mit weniger einflussreichen Menschen umgehen würde. Cicero, In Verrem 2.1, § 127.
Das Erbe des Gaius Sulpicius Olympus
Der Konflikt begann mit einer Erbschaft.
Ein Mann namens Gaius Sulpicius Olympus starb während der Prätur des Gaius Sacerdos. Cicero merkt an, dass dies möglicherweise sogar noch geschah, bevor Verres seine Bewerbung um die Prätur begonnen hatte.
Sulpicius Olympus setzte Marcus Octavius Ligus zum Erben ein.
Ligus trat die Erbschaft an und gelangte in den Besitz des Nachlasses. Während Gaius Sacerdos Prätor war, blieb sein Besitz ohne jeden Rechtsstreit.
Diese Tatsache ist für Ciceros Argumentation sehr wichtig. Unter Sacerdos war die Angelegenheit offenbar problemlos gewesen. Erst als Verres das Amt des Prätors übernahm, entstand der Streit.
Die Forderung nach einem Sechstel der Erbschaft
Nach dem Amtsantritt des Verres berief sich eine Frau auf eine Bestimmung aus dessen Edikt.
Es handelte sich um die Tochter des Patrons des Sulpicius Olympus. Sie begann, von Ligus ein Sechstel der Erbschaft zu verlangen.
Cicero betont dabei, dass diese Regelung nicht im Edikt des vorherigen Prätors Sacerdos enthalten gewesen war.
Das war für Ligus von großer Bedeutung: Er hatte die Erbschaft unter den Bedingungen übernommen, die während der Amtszeit des Sacerdos galten. Verres versuchte nun, eine neue Bestimmung auch auf eine bereits früher angefallene Erbschaft anzuwenden.
Ligus war zunächst gar nicht in Rom
Als der Streit begann, befand sich Ligus nicht in Rom.
Sein Bruder Lucius Ligus übernahm deshalb zunächst die Vertretung seiner Interessen. Freunde und Verwandte unterstützten ihn ebenfalls.
Auch Lucius Gellius trat für die Sache des Ligus ein.
Gellius argumentierte, dass das neue Edikt des Verres nicht auf Erbschaften angewendet werden dürfe, die bereits vor Beginn seiner Prätur angefallen waren.
Seine Argumentation war nach Ciceros Darstellung rechtlich durchaus überzeugend
Verres droht mit der Herausgabe des Erbes
Verres ließ sich von dieser Argumentation jedoch nicht überzeugen.
Er erklärte, dass er der Frau den Besitz ihres geforderten Anteils übertragen werde, wenn Ligus sich nicht mit ihr einigen würde.
Cicero beschreibt damit einen entscheidenden Punkt: Verres scheint nicht einfach eine unparteiische juristische Entscheidung getroffen zu haben. Stattdessen setzte er den Betroffenen unter Druck und machte die Entscheidung von einer Einigung abhängig.
Ligus reist nach Rom
Schließlich kam Ligus selbst nach Rom.
Er war überzeugt, dass er Verres persönlich von der Ungerechtigkeit seiner Sache überzeugen könne. Cicero schildert ihn dabei als selbstbewussten Mann, der aufgrund seines Ansehens und seiner Stellung davon ausging, dass Verres seine Argumente berücksichtigen würde.
Ligus suchte Verres in dessen Haus auf.
Er erklärte ihm ausführlich den Sachverhalt und machte deutlich, wie lange er sich bereits im Besitz der Erbschaft befunden hatte.
Dabei appellierte er auch an Verres' persönliches Ansehen und seine gratia, also seine Gunst und seinen politischen Einfluss.
Verres verlangt faktisch Geld (Bestechung)
Die Reaktion des Verres ist einer der bekanntesten Teile der Episode.
Statt auf die juristischen Argumente des Ligus einzugehen, verspottete Verres ihn dafür, dass er sich wegen eines ererbten Vermögens so große Sorgen mache.
Dann erklärte er sinngemäß, Ligus müsse auch Verres' eigene Bedürfnisse berücksichtigen.
Cicero betont ausdrücklich, dass er diese Episode nicht besser schildern könne als Ligus selbst, dessen Aussage die Richter bereits als Zeugenvernehmung gehört hatten:
ipsum Ligurem pro testimonio dicere audistis
Ligus war also nicht nur eine Person, über die Cicero aus zweiter Hand berichtet; er selbst hatte im Prozess ausgesagt.
Cicero stellt Ligus als besonders glaubwürdigen Zeugen dar
Im folgenden Abschnitt richtet sich Cicero direkt an Verres:
non credemus M. Octavio, non L. Liguri?
„Sollen wir Marcus Octavius etwa nicht glauben, nicht Lucius Ligus?“
Cicero stellt damit Marcus Octavius Ligus und dessen Bruder Lucius als Zeugen heraus.
Besonders wichtig ist dabei die Charakterisierung des Marcus Octavius Ligus.
Cicero nennt ihn einen Mann von:
hoher gesellschaftlicher Stellung (locus)
hohem Rang (ordo)
angesehenem Namen (nomen)
Charakter und Tugend (virtus)
Begabung (ingenium)
Vermögen (copiae)
Warum ist der Fall des Ligus für Cicero so wichtig?
Der Fall ist für Cicero nicht nur deshalb interessant, weil Ligus persönlich geschädigt wurde.
Er dient als Beweis für die systematische Korruption des Verres.
Ciceros Argumentation funktioniert ungefähr so:
Wenn Verres sogar von einem reichen, angesehenen Senator Geld für eine richterliche Entscheidung verlangte, dann muss man sich erst recht vorstellen, wie er mit Menschen umging, die:
weniger Geld besaßen,
aus den Gemeinden Italiens kamen,
gesellschaftlich weniger angesehen waren,
oder als Freigelassene überhaupt keinen hohen sozialen Rang hatten.
Cicero macht daraus einen allgemeinen Vorwurf gegen die Rechtsprechung des Verres.
Der Fall des Ligus ist deshalb ein Beispiel für ein viel größeres System: Verres habe sein Amt als Stadtprätor benutzt, um aus seiner richterlichen Gewalt persönlichen finanziellen Gewinn zu ziehen.
Was wissen wir über das weitere Leben von Ligus?
Hier ist eine wichtige Einschränkung notwendig:
Über das weitere Leben des Marcus Octavius Ligus wissen wir kaum etwas Sicheres.
Die Quellenlage ist äußerst dünn. Cicero liefert uns vor allem Informationen über seinen Erbschaftsprozess unter Verres und seine Aussage als Zeuge.
Auch die antiken Namensverzeichnisse führen ihn im Wesentlichen als römischen Senator des 1. Jahrhunderts v. Chr. und verweisen auf seine Erwähnungen bei Cicero!