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Gaius Licinius Sacerdos – der Vorgänger des Verres in Sizilien
Gaius Licinius Sacerdos war ein römischer Politiker aus der gens Licinia und bekleidete 75 v. Chr. das Prätorenamt. Im darauffolgenden Jahr übernahm er die Verwaltung der Provinz Sizilien, wo er als Proprätor amtierte.
Damit war Sacerdos der unmittelbare Vorgänger des Gaius Verres als Statthalter von Sizilien. Verres übernahm die Provinz nach ihm und regierte dort ab 73 v. Chr.
Cicero erwähnt Sacerdos in den Verrinen mehrfach und stellt ihn auffallend positiv dar. Während Verres wegen seiner Ausbeutung und Willkür angeklagt wurde, erscheint Sacerdos bei Cicero als maßvoller und gerechter Statthalter.
Sacerdos als Prätor und Statthalter von Sizilien
Sacerdos war zunächst Prätor in Rom. Nach Ablauf seines Prätorenjahres übernahm er die Verwaltung Siziliens.
Damit durchlief er denselben Karriereweg wie viele andere römische Politiker: Nach dem Prätorenamt erhielt er ein provinziales Kommando und übte dort als Proprätor die Aufgaben eines Statthalters aus.
Seine Amtszeit in Sizilien fällt in die Jahre 74/73 v. Chr., unmittelbar vor der Statthalterschaft des Verres.
Cicero macht diese zeitliche Abfolge in den Verrinen deutlich. Er spricht ausdrücklich von Verres' Vorgänger Sacerdos und vergleicht dessen Verwaltung mit derjenigen des Verres.
Cicero, In Verrem II,3,92; II,3,103–104
Sacerdos als Gegenbild zu Verres
Die wichtigste Funktion des Sacerdos in Ciceros Darstellung besteht darin, dass er als Gegenbeispiel zu Verres dient.
Cicero möchte zeigen, dass die Probleme Siziliens nicht einfach durch die schwierige Situation einer Provinz oder durch die normalen Aufgaben eines Statthalters entstanden seien.
Es habe vielmehr an Verres selbst gelegen.
Dafür konnte Cicero auf Sacerdos verweisen: Ein anderer Statthalter hatte dieselbe Provinz verwaltet und sich dort anders verhalten.
Gerade deshalb ist Sacerdos für Ciceros Argumentation wichtig.
Der Fall des Sopater
Besonders deutlich wird der Unterschied zwischen Sacerdos und Verres beim Fall des Sopater von Halikyai.
Sopater war ein wohlhabender und angesehener Bürger seiner Stadt. Während der Amtszeit des Sacerdos wurde er von seinen Gegnern wegen eines Kapitalverbrechens angeklagt.
Sacerdos sprach ihn frei.
Als Verres anschließend die Provinz übernahm, brachten dieselben Gegner Sopater erneut wegen desselben Vorwurfs vor Gericht.
Diesmal wurde die Situation völlig anders behandelt.
Cicero benutzt diesen Fall, um zu zeigen, dass Verres ein bereits entschiedenes Verfahren erneut aufgriff und damit den Interessen der Gegner Sopaters entgegenkam. Ebenso durfte ein bereits freigesprochener Mann nicht wegen desselben Verbrechens nochmal vor Gericht geladen werden.
Sacerdos und die Getreideabgabe
Noch wichtiger ist Sacerdos bei Ciceros Behandlung der Getreideabgaben Siziliens.
Die sizilianischen Städte und Bauern mussten im Rahmen der Provinzordnung Getreide für Rom bereitstellen. Die genaue Bewertung und Preisfestsetzung konnte dabei erhebliche finanzielle Auswirkungen haben.
Cicero vergleicht die Maßnahmen des Sacerdos mit denen des Verres.
Sacerdos habe das Getreide zu einem Preis bewertet, der für die aratores, also die sizilianischen Getreidebauern, noch erträglich gewesen sei.
Cicero, In Verrem II,3,214
Cicero erklärt ausdrücklich, dass Sacerdos bei seiner Bewertung maßvoller vorgegangen sei.
Verres dagegen habe die gleichen Mechanismen so eingesetzt, dass sie für die Bauern zu einer Belastung wurden.
Cicero, In Verrem II,3,214–215
Sacerdos und die Zehntsteuer
Besonders wichtig war außerdem die Zehntsteuer (decumae).
Sizilien war für Rom eine bedeutende Getreideprovinz. Ein großer Teil der landwirtschaftlichen Produktion wurde über das traditionelle sizilianische Steuersystem erfasst.
Cicero vergleicht dabei ausdrücklich die von Sacerdos und Verres vorgenommenen Maßnahmen.
Er stellt Sacerdos als einen sorgfältigen Verwalter dar, während Verres nach seiner Darstellung die Einnahmen der Provinz zugunsten seiner eigenen Bereicherung ausnutzte.
Cicero verwendet dafür einen Vergleich mit einem Gutsverwalter:
Wenn ein Verwalter zwar hohe Einnahmen erwirtschaftet, dafür aber gleichzeitig die landwirtschaftlichen Grundlagen des Gutes zerstört, ist er kein guter Verwalter.
Genau so, argumentiert Cicero, verhält es sich mit Verres.
Cicero, In Verrem II,3,103–104
Der Vergleich mit einem guten Verwalter
Ciceros Argumentation an dieser Stelle ist besonders interessant.
Er stellt sich vor, ein Landbesitzer habe einen Verwalter, der ihm zwar kurzfristig hohe Einnahmen verschafft, dafür aber Werkzeuge, Vieh und andere Produktionsmittel verkauft.
Auf den ersten Blick sieht der Besitzer hohe Gewinne.
Erst später erkennt er, dass der Verwalter die wirtschaftliche Grundlage des Besitzes zerstört hat.
Cicero überträgt dieses Bild auf Sizilien:
Sacerdos habe sich wie ein guter Verwalter verhalten; Verres dagegen habe die Provinz ausgeplündert.
Cicero nennt Sacerdos deshalb ausdrücklich den „integer praedecessor“, also den unbescholtenen bzw. rechtschaffenen Vorgänger des Verres.
Cicero, In Verrem II,3,103–104
Sacerdos und seine Rechtschaffenheit
Cicero bezeichnet Sacerdos an anderer Stelle ausdrücklich als einen Mann, der unschuldig und von großer Klugheit gewesen sei:
hominem innocentem et summa prudentia praeditum
„einen unbescholtenen und mit höchster Umsicht ausgestatteten Mann“
Diese Worte fallen in Ciceros Darstellung der Getreidebewertung.
Cicero, In Verrem II,3,214
Damit wird deutlich, dass Cicero Sacerdos nicht lediglich als „weniger schlimm als Verres“ darstellt. Er benutzt ihn vielmehr als positives Beispiel römischer Provinzverwaltung.
Sacerdos und das prätorische Edikt
Sacerdos ist außerdem für Ciceros Argumentation über das prätorische Edikt wichtig.
Bei einem Erbschaftsfall erwähnt Cicero ausdrücklich, dass Verres ein Edikt verwendete, das bei seinem Vorgänger Gaius Sacerdos noch nicht existiert hatte.
Cicero kritisiert dabei insbesondere, dass Verres die neuen Regeln auf bereits bestehende Erbfälle anwenden wollte.
Cicero, In Verrem II,1,125–127
Diese Passage ist für das Verständnis des Verhältnisses zwischen den beiden Statthaltern besonders interessant:
Sacerdos hatte bestimmte Regelungen offenbar nicht in seinem Edikt gehabt, während Verres neue Bestimmungen einführte und diese anschließend zum Nachteil einzelner Personen anwendete.
Sacerdos und der Tempel des Castor
Sacerdos erscheint außerdem in einem anderen Zusammenhang in Ciceros In Verrem.
Es geht um den Tempel der Dioskuren (Castor und Pollux) auf dem Forum Romanum.
Für bestimmte Bau- und Reparaturarbeiten waren zuvor die Prätoren Gaius Sacerdos und Marcus Caesius zuständig gewesen.
Später wurde diese Aufgabe unter anderem an Verres und Publius Caelius übertragen.
Cicero, In Verrem II,1,130–132
Cicero benutzt den Fall, um einen weiteren Missbrauch der Amtsgewalt durch Verres zu schildern.
Hier ist Sacerdos allerdings nicht der Statthalter von Sizilien, sondern wird in seiner früheren Funktion als Prätor in Rom erwähnt.
Wie zuverlässig ist Ciceros Darstellung?
Bei aller Bedeutung muss man berücksichtigen, dass Cicero Ankläger im Prozess gegen Verres war.
Seine Darstellung des Sacerdos ist deshalb nicht neutral.
Er hatte ein klares rhetorisches Interesse daran, Verres besonders schlecht erscheinen zu lassen. Ein guter Vorgänger war dafür ausgesprochen nützlich:
Wenn Sacerdos dieselbe Provinz ordentlich verwalten konnte, warum sollte Verres nicht dazu in der Lage gewesen sein?
Man sollte daher nicht automatisch davon ausgehen, dass Sacerdos tatsächlich in jeder Hinsicht der ideale Statthalter war, als den Cicero ihn darstellt.
Allerdings ist seine Existenz und seine Abfolge als Statthalter gut belegt. Besonders wichtig ist, dass Cicero Sacerdos an mehreren unterschiedlichen Stellen erwähnt und ihn dabei wiederholt mit Verres vergleicht.
Was wurde aus Sacerdos?
Nach seiner Statthalterschaft in Sizilien verschwindet Sacerdos weitgehend aus der politischen Überlieferung.
Seine Bedeutung für uns entsteht deshalb vor allem aus Ciceros Verrinen.
Dort bleibt er als der Mann in Erinnerung, der unmittelbar vor Verres Sizilien verwaltete und dessen Amtsführung Cicero mehrfach als Vergleichsmaßstab heranzieht.