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Lucius Licinius Crassus – Der größte Redner der Römischen Republik vor Cicero
Lucius Licinius Crassus (ca. 140–91 v. Chr.) galt bereits in der Antike als der bedeutendste Redner der Römischen Republik vor Cicero. Als erfolgreicher Politiker, Jurist und Konsul verband er außergewöhnliche rhetorische Fähigkeiten mit umfassender Bildung und großem staatsmännischem Ansehen.
Besonders bekannt wurde er durch seine Gerichtsreden und seine Tätigkeit im Senat. Obwohl keine seiner Reden vollständig erhalten ist, übte er einen nachhaltigen Einfluss auf die römische Rhetorik aus. Cicero verehrte Crassus als Vorbild des idealen Redners und machte ihn zur Hauptfigur seines Dialogs De oratore.
Herkunft und Ausbildung
Lucius Licinius Crassus wurde um 140 v. Chr. in eine angesehene Familie der gens Licinia geboren. Schon früh erhielt er eine umfassende Ausbildung in Rhetorik, Recht und griechischer Literatur. Dies waren Fähigkeiten, die für eine politische Laufbahn in der späten Republik unverzichtbar waren.
Bereits als junger Mann machte er sich als Gerichtsredner einen Namen. Antike Autoren heben besonders seine sprachliche Eleganz, sein ausgezeichnetes Gedächtnis und seine Fähigkeit hervor, juristische Argumente mit eindrucksvoller Beredsamkeit zu verbinden.
Cicero, Brutus §§ 143–145: Cicero beschreibt Crassus' außergewöhnliche Begabung und seinen frühen Aufstieg zum führenden Redner seiner Zeit.
Politische Laufbahn
Neben seiner Tätigkeit als Anwalt durchlief Crassus den cursus honorum.
Zu seinen wichtigsten Ämtern gehörten:
Quästor (wahrscheinlich um 109 v. Chr.)
Prätor (wahrscheinlich 98 v. Chr.)
Konsul (95 v. Chr.)
Censor designatus (91 v. Chr.; das Amt trat er wegen seines frühen Todes nicht an)
Als Konsul des Jahres 95 v. Chr. erließ Crassus gemeinsam mit seinem Amtskollegen Quintus Mucius Scaevola die Lex Licinia Mucia.
Diese bestimmte, dass nur rechtmäßige römische Bürger in den Bürgerlisten geführt werden durften. Das Gesetz verschärfte die Spannungen zwischen Rom und seinen italischen Bundesgenossen und gilt als einer der Faktoren, die wenige Jahre später zum Bundesgenossenkrieg beitrugen.
Cicero, Brutus §§ 161–162: Cicero erwähnt Crassus' Konsulat und seine herausragende politische Stellung.
Crassus als Redner
Crassus galt als Inbegriff des vollkommenen Redners.
Nach Cicero vereinte er Eigenschaften, die nur selten gemeinsam vorkamen:
juristische Fachkenntnis,
politische Erfahrung,
philosophische Bildung,
sprachliche Eleganz,
überzeugende Argumentation,
würdevolle Vortragsweise.
Cicero betont mehrfach, dass Crassus niemals bloß schön sprach, sondern seine Reden stets auf gründlichem Wissen beruhten.
Cicero, Brutus §§ 143–148
Crassus im De oratore
Den größten Einfluss auf sein Nachleben verdankt Crassus Ciceros Dialog De oratore.
Darin lässt Cicero Crassus als Hauptfigur auftreten und über die Eigenschaften des idealen Redners sprechen.
Nach Crassus genügt es nicht, lediglich schön sprechen zu können. Ein wahrer Redner müsse sich in vielen Wissensgebieten auskennen:
Recht,
Geschichte,
Philosophie,
Politik,
menschliche Psychologie.
Nur wer über umfassende Bildung verfüge, könne den Staat überzeugend führen.
Cicero, De oratore 1,30–34
Diese Vorstellung prägte das römische Bildungsideal nachhaltig.
Crassus als Vorbild Ciceros
Für Cicero war Crassus das größte Vorbild unter allen früheren Rednern.
In der Divinatio in Caecilium nennt Cicero Crassus gemeinsam mit Marcus Antonius als Maßstab für den idealen Ankläger.
Er erklärt, dass Quintus Caecilius Niger den Prozess gar nicht führen könnte, da er nicht so wie Crassus und Antonius über natürliches Talent verfügen würde und er so der Aufgabe einen so wichtigen Prozess zu führen, nicht gewachsen wäre.
Cicero, Divinatio in Caecilium § 25
Auch im Brutus stellt Cicero Crassus an die Spitze aller früheren Redner.
Cicero, Brutus §§ 143–148
Tod
Im Jahr 91 v. Chr. hielt Crassus im Senat eine leidenschaftliche Rede gegen den Konsul Lucius Marcius Philippus.
Kurz nach dieser Rede erkrankte er schwer und starb wenige Tage später.
Sein Tod wurde von vielen Zeitgenossen als großer Verlust für den römischen Staat empfunden.
Cicero, De oratore 3,1–8