Die römische Redekunst – Theorie und Aufbau einer Rede
Die römische Redekunst (ars rhetorica) war nicht nur ein Mittel der Überzeugung, sondern eine zentrale Grundlage politischer, juristischer und gesellschaftlicher Macht. Ein guter Redner konnte Prozesse gewinnen, als Anwalt Karriere machen und das Volk beeinflussen. Besonders durch Autoren wie Cicero und später Quintilian wurde die Redekunst systematisch als Wissenschaft beschrieben und gelehrt. (siehe hierzu vor allem De Oratore von Cicero)
Im Zentrum steht die Vorstellung, dass eine Rede nicht spontan gehalten wird, sondern in klaren Phasen geplant, ausgearbeitet und vorgetragen wird.
Die fünf Phasen der klassischen Rede (officia oratoris)
Die klassische römische Rhetorik unterscheidet fünf Arbeitsschritte, die jeder Redner durchläuft:
1. Inventio: Stofffindung
In der inventio sammelt der Redner alle Argumente, Beispiele und Beweise. Er überlegt:
Was ist der Sachverhalt?
Was spricht für mich oder meinen Mandanten?
Was spricht gegen mich oder meinen Mandanten?
Hier entstehen die inhaltlichen Grundlagen der Rede.
2. Dispositio: Anordnung der Rede
In der dispositio werden die Argumente sinnvoll geordnet. Die Rede erhält eine feste Struktur, damit sie möglichst logisch und überzeugend wirkt.
Typischer Aufbau:
Einleitung (exordium)
Darstellung des Sachverhalts (narratio)
Beweisführung (argumentatio)
Widerlegung der Gegenseite (refutatio)
Schluss (peroratio)
3. Elocutio: sprachliche Ausgestaltung
Hier geht es um den Stil der Rede:
Wortwahl
Satzbau
rhetorische Stilmittel (Metaphern, Anaphern, Antithesen usw.)
Die elocutio entscheidet darüber, ob eine Rede nüchtern, feierlich, emotional oder scharf klingt. Je nach Anlass kann dies von entscheidener Bedeutung sein, der Redner passt sich in seinem sprachlichem Stil immer an sein Publikum oder den Anlass an, um möglichst überzeugend zu sein.
4. Memoria: Einprägen und Auswendig lernen der Rede
Die Rede wird auswendig gelernt oder zumindest so gut vorbereitet, dass der Redner frei sprechen kann. In der Antike war dies besonders wichtig, da es keine Manuskripte oder Notizzettel auf der Rednertribüne gab.
5. Actio (oder Pronuntiatio): Aktiver Vortrag
Der eigentliche Auftritt:
Stimme
Betonung
Gestik
Mimik
Haltung
Cicero betont: Eine mittelmäßige Rede mit guter actio wirkt oft stärker als eine perfekte Rede ohne Ausdruck.
Die klassischen Teile einer römischen Rede (siehe Dispositio)
Unabhängig von den fünf Phasen hat eine fertige Rede meist diese feste innere Gliederung:
Exordium: Einleitung
Gewinnen der Aufmerksamkeit und Sympathie des Publikums.
Narratio: Darstellung des Sachverhalts
Was ist passiert? In welcher Situation befinden wir uns?
Argumentatio / Probatio: Beweisführung
Eigene Argumente werden entwickelt und ausgeführt.
Refutatio: Widerlegung
Die Argumente der Gegenseite werden angegriffen und hoffentlich überzeugend widerlegt.
Peroratio: Schluss
Zusammenfassung und emotionale Steigerung.
Ziel der römischen Rhetorik
Nach der klassischen Definition soll eine gute Rede:
docere – movere – delectare
belehren, bewegen und gefallen.
Ein idealer Redner überzeugt also nicht nur rational, sondern auch emotional und stilistisch.
Die Redekunst als Kern römischer Bildung
Für Römer der Oberschicht war Rhetorik Pflichtwissen:
Grundlage für politische Karriere
Voraussetzung für juristische Tätigkeit
Zeichen sozialer Bildung
Römische Senatoren, die offensichtlich nicht gut und ausdrucksstark reden könnten, wurden schnell zur Zielscheibe für Spott und Häme. Auch bekannte Feldherren wie Cäsar oder Pompeius waren sicherlich auch exzellente Redner und konnten sich ihrem Stand entsprechend ausdrücken, auch wenn sie hauptsächlich militärisch aktiv waren.