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Der Zensor (Censor) – Hüter der Bürgerlisten und der öffentlichen Moral
Das Amt des Zensors (censor) gehörte zu den angesehensten Magistraturen der römischen Republik. Obwohl die Zensoren weder ein Heer befehligten noch über das imperium verfügten, genossen sie außerordentlich hohes Ansehen. Ihre wichtigsten Aufgaben waren die Durchführung des Zensus, die Einteilung der Bürger in Vermögensklassen und Tribus, die Überwachung der öffentlichen Sitten (regimen morum) sowie die Verwaltung wichtiger Staatsfinanzen und öffentlicher Bauvorhaben.
Da ihre Entscheidungen das politische und gesellschaftliche Leben Roms nachhaltig beeinflussten, galt die Zensur als Höhepunkt einer erfolgreichen politischen Laufbahn (cursus honorum).
Die Entstehung des Zensoramtes
Das Amt wurde 443 v. Chr. geschaffen. Bis dahin hatten die Konsuln den Zensus durchgeführt. Da diese jedoch immer stärker durch Kriege und andere Staatsgeschäfte belastet waren, wurde die Aufgabe auf eine eigene Magistratur übertragen.
Von nun an wählte das Volk regelmäßig zwei Zensoren.
Livius: 4,8 berichtet von der Einführung des Zensoramtes. Livius erklärt, dass den Konsuln die Durchführung des Zensus zu viel Zeit kostete und deshalb eine neue Magistratur geschaffen wurde.
Wer konnte Zensor werden?
Grundsätzlich konnten nur ehemalige Konsuln das Amt übernehmen. Die Wahl erfolgte durch die Comitia Centuriata.
Gewählt wurden stets:
zwei Zensoren gleichzeitig,
um gegenseitige Kontrolle zu gewährleisten.
Anders als Konsuln oder Prätoren verfügten sie über kein Imperium, sondern über eine besonders hohe auctoritas, also persönliches und politisches Ansehen.
Da beide Zensoren gemeinsam handeln mussten, konnten wichtige Entscheidungen nur einvernehmlich getroffen werden.
Die Amtszeit
Ursprünglich entsprach die Amtszeit vermutlich der anderer Magistraturen.
Im Jahr 434 v. Chr. wurde sie jedoch durch die Lex Aemilia auf 18 Monate verkürzt, obwohl der Zensus weiterhin nur etwa alle fünf Jahre (lustrum) stattfand.
Dadurch sollte verhindert werden, dass die Zensoren ihre weitreichenden Befugnisse zu lange ausübten.
Livius 4,24 berichtet über die Lex Aemilia, durch die die Amtszeit der Zensoren auf 18 Monate begrenzt wurde.
Die wichtigsten Aufgaben des Zensors
1. Durchführung des Zensus
Die wichtigste Aufgabe war der Zensus.
Dabei musste jeder römische Bürger Angaben machen über:
seinen Namen,
seine Familie,
seinen Besitz,
sein Vermögen,
seinen Grundbesitz,
seine Sklaven.
Auf Grundlage dieser Angaben wurden die Bürger in verschiedene Vermögensklassen eingeteilt.
Von dieser Einteilung hing unter anderem ab:
der Wehrdienst,
die Steuerpflicht,
das Stimmgewicht in den Zenturiatskomitien.
Nach Abschluss des Zensus wurde ein feierliches Reinigungsopfer durchgeführt, das sogenannte Lustrum.
Livius: Mehrere Zensusdurchführungen erwähnt Livius, unter anderem 3,22, 4,20, 9,46 und 10,47.
2. Einteilung der Bürger
Die Zensoren entschieden,
welcher Tribus ein Bürger angehörte,
welcher Vermögensklasse er zugeteilt wurde,
welche Centurie ihn vertrat.
Diese Einteilung beeinflusste unmittelbar den politischen Einfluss eines Bürgers.
3. Überwachung der öffentlichen Moral (regimen morum)
Eine der bekanntesten Aufgaben war die Kontrolle der Sitten.
Die Zensoren konnten Bürger wegen eines als unwürdig angesehenen Lebenswandels rügen.
Dazu gehörten beispielsweise:
Bestechlichkeit,
Ehebruch,
Verschwendung,
Feigheit im Krieg,
Misshandlung von Familienangehörigen,
unwürdiges Verhalten gegenüber dem Staat.
Als Strafe konnte ein Bürger mit einer nota censoria („Tadel der Zensoren“) belegt werden.
Mögliche Folgen waren:
Ausschluss aus dem Senat,
Versetzung in eine niedrigere Vermögensklasse,
Verlust gesellschaftlichen Ansehens.
Diese Befugnis machte die Zensoren zu den Hütern der traditionellen römischen Werte (mos maiorum).
4. Die Senatsliste (lectio senatus)
Eine besonders bedeutende Aufgabe bestand darin, die Liste der Senatoren zu überprüfen.
Die Zensoren entschieden,
wer neu in den Senat aufgenommen wurde,
und wer wegen unwürdigen Verhaltens ausgeschlossen werden konnte.
Dadurch übten sie erheblichen Einfluss auf die Zusammensetzung des wichtigsten politischen Gremiums Roms aus.
Livius: Die Tätigkeit der Zensoren bei der Überprüfung des Senats wird besonders deutlich bei den Reformen des Appius Claudius Caecus (9,29–30).
5. Verwaltung staatlicher Finanzen
Die Zensoren verpachteten zahlreiche staatliche Einnahmen.
Dazu gehörten unter anderem:
Steuern,
Zölle,
Bergwerke,
öffentliche Weiden.
Außerdem schlossen sie Verträge mit den Publicani (Steuerpächtern) ab.
Damit spielten sie eine wichtige Rolle in der Finanzverwaltung des Staates.
6. Öffentliche Bauprojekte
Auch bedeutende Bauvorhaben gehörten zu ihren Aufgaben.
Sie vergaben Aufträge für:
Tempel,
Straßen,
Brücken,
Aquädukte,
öffentliche Gebäude.
Der berühmteste Zensor war Appius Claudius Caecus, der während seiner Zensur
die Via Appia
und die Aqua Appia
errichten ließ.
Livius: 9,29–30 schildern die Zensur des Appius Claudius Caecus und seine umfangreichen Reformen.
Das Lustrum
Nach jedem abgeschlossenen Zensus führten die Zensoren das feierliche Lustrum durch.
Dabei wurde das römische Volk symbolisch gereinigt.
Den Abschluss bildete das sogenannte suovetaurilia die Opferung eines
Schweins (sus),
Schafes (ovis)
und Stieres (taurus).
Erst mit diesem Opfer galt der Zensus offiziell als beendet.
Livius: Das Lustrum wird mehrfach erwähnt, etwa in 1,44, wo König Servius Tullius den ersten Zensus durchführen lässt, sowie in späteren Büchern nach abgeschlossenen Zensuren.
Das Ansehen der Zensoren
Obwohl die Zensoren weder über ein Heer verfügten noch Recht sprechen konnten, galt ihr Amt als eines der ehrenvollsten der Republik.
Ihre Entscheidungen beeinflussten:
die politische Ordnung,
die gesellschaftliche Stellung,
die Zusammensetzung des Senats,
und das öffentliche Leben.
Der Verlust einer guten Bewertung durch die Zensoren konnte für einen römischen Politiker das Ende seiner Karriere bedeuten.
Bedeutende Zensoren
Zu den bekanntesten Amtsinhabern zählen:
Appius Claudius Caecus: Bau der Via Appia und Aqua Appia.
Marcus Porcius Cato der Ältere: berühmt für seine strenge Sittenaufsicht und seinen Kampf gegen Luxus.
Quintus Fabius Maximus Rullianus: führte wichtige Reformen des Zensus durch.