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Die Stadt Genava – Geschichte der antiken Stadt Genf
Genava, das heutige Genf, entstand als keltische Siedlung am Ausfluss der Rhône aus dem Genfersee und entwickelte sich aufgrund seiner Lage zu einem wichtigen Verkehrs- und Handelsplatz.
In der Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. gehörte Genava zum Gebiet der Allobroger und bildete deren nördlichsten befestigten Siedlungsplatz an der Grenze zu den Helvetiern. Caesar bezeichnet den Ort deshalb als extremum oppidum Allobrogum, als das „äußerste Oppidum der Allobroger“.
Die besondere Bedeutung Genavas beruhte vor allem auf seiner Lage. Hier trafen der Genfersee, die Rhône und wichtige Verkehrswege zwischen dem südlichen Gallien, dem Alpenraum und dem Gebiet der Helvetier aufeinander. Diese geographische Situation machte Genava bereits in vorrömischer Zeit zu einem wichtigen Siedlungs- und Handelsplatz und später zu einem strategisch bedeutenden Punkt an der Grenze der römischen Provinz.
Die Entstehung von Genava
Die Region um Genf war bereits lange vor der keltischen Zeit besiedelt. Archäologische Funde belegen menschliche Anwesenheit bereits seit dem Paläolithikum. Besonders die Ufer des Genfersees wurden während der Bronzezeit wiederholt besiedelt. Die für die spätere Stadtgeschichte entscheidende Entwicklung setzte jedoch erst in der Latènezeit ein.
Die ältesten Siedlungsspuren auf dem Hügel, auf dem heute die Kathedrale Saint-Pierre steht, stammen frühestens aus dem letzten Viertel des 2. Jahrhunderts v. Chr. In dieser Zeit entstanden in vielen Regionen Galliens befestigte größere Siedlungen, die heute als Oppida bezeichnet werden. Auch Genava entwickelte sich zu einer solchen befestigten Siedlung.
Genava und die Allobroger
Im 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. gehörte Genava zum Siedlungsgebiet der Allobroger, eines bedeutenden keltischen Stammes im Südosten Galliens. Ihr Kerngebiet erstreckte sich zwischen Rhône, Isère, Genfersee und Alpen. Der wichtigste politische Mittelpunkt der Allobroger war Vienna, das heutige Vienne an der Rhône.
Genava lag am äußersten Nordrand dieses Gebietes. Die Rhône bildete hier die Grenze zwischen den Allobrogern und den Helvetiern, deren Siedlungsgebiet sich nördlich des Genfersees erstreckte. Das Historische Lexikon der Schweiz bezeichnet Genf deshalb als das nördlichste Oppidum der Allobroger.
Besonders deutlich wird diese Grenzlage bei Caesar. Bei seiner Beschreibung des Helvetierzuges von 58 v. Chr. schreibt er:
Extremum oppidum Allobrogum est proximumque Helvetiorum finibus Genava.
Caesar, De bello Gallico 1,6,3
Von Genava aus führte außerdem eine Brücke über die Rhône in Richtung des helvetischen Gebietes. Damit war die Stadt nicht nur eine Grenzsiedlung, sondern zugleich ein wichtiger Übergang zwischen zwei politischen Räumen.
Die römische Eroberung des Allobrogergebiets
Die Geschichte Genavas änderte sich grundlegend durch die römische Eroberung des Allobrogergebietes. 121 v. Chr. unterwarfen römische Truppen die Allobroger. Ihr Gebiet wurde anschließend in die römische Provinz Gallia Transalpina, die später unter Augustus als Gallia Narbonensis bezeichnet wurde, eingegliedert. Damit geriet auch Genava unter römische Herrschaft.
Genava lag damit an einer besonderen Grenze: Während das Gebiet südlich und westlich der Rhône bereits zur römischen Provinz gehörte, lag auf der anderen Seite der Rhône das Gebiet der Helvetier, das noch nicht unter römischer Herrschaft stand.
Caesar und Genava im Jahr 58 v. Chr.
Seinen berühmtesten Auftritt in den antiken Quellen erlebt Genava zu Beginn von Caesars Gallischem Krieg im Jahr 58 v. Chr.
Die Helvetier planten zu diesem Zeitpunkt, ihr bisheriges Siedlungsgebiet zu verlassen und nach Westen beziehungsweise Südwesten zu ziehen. Eine der möglichen Routen führte durch die römische Provinz und damit über das Gebiet der Allobroger. Der günstigste Übergang lag bei Genava.
Caesar berichtet, dass die Helvetier entweder versuchten, die Allobroger zur Erlaubnis des Durchmarsches zu bewegen, oder sie notfalls dazu zu zwingen. Als Caesar von den Plänen erfuhr, eilte er nach Genava.
Caesar, De bello Gallico 1,6–7
Caesar ließ daraufhin die Brücke bei Genava zerstören:
pontem, qui erat ad Genavam, iubet rescindi.
Caesar, De bello Gallico 1,7,2
Damit verhinderte Caesar den unmittelbaren Übergang der Helvetier über die Rhône. Gleichzeitig ließ er Truppen aus der gesamten Provinz zusammenziehen und begann, die Befestigungen an der Rhône auszubauen. Genava wurde damit zu einem der ersten wichtigen Schauplätze des Gallischen Krieges.
Die Allobroger und Caesar
Auch für die Allobroger selbst spielt Genava in Caesars Darstellung eine wichtige Rolle. Nachdem die Helvetier ihren Marsch begonnen hatten, verwüsteten sie Teile des allobrogischen Gebietes. Einige Allobroger, die Besitzungen auf der anderen Seite der Rhône hatten, flohen daraufhin zu Caesar und baten um seinen Schutz.
Vom keltischen Oppidum zum römischen Vicus
Nach der Eingliederung in das römische Herrschaftssystem veränderte sich Genava allmählich. Die Stadt wurde jedoch keine römische Kolonie wie das nahegelegene Nyon und auch nicht sofort eine eigenständige römische Stadt.
Vielmehr blieb Genava zunächst ein Vicus, also eine kleinere städtische Siedlung innerhalb eines größeren Verwaltungsverbandes. Ab 31 v. Chr. war Genava von der Kolonie Vienna abhängig. Das bedeutete, dass das ehemalige allobrogische Gebiet nun in die römische Verwaltungsstruktur eingebunden war.
Gleichzeitig gewann Genava wirtschaftlich an Bedeutung. Besonders wichtig war der Hafen.
Archäologische Untersuchungen haben umfangreiche Hafenanlagen nachgewiesen. Dazu gehörten Kaianlagen, Dämme und Palisaden. Auch größere Wirtschafts- und Verwaltungsgebäude entstanden. Eine Inschrift belegt darüber hinaus einen Zollposten in Genf.
Genava in der Kaiserzeit
Unter Kaiser Tiberius und seinen Nachfolgern wurde Genava zunehmend romanisiert. Die Gebäude, die innerhalb der Stadt und auf dem umliegenden Land errichtet wurden, zeigten nun deutlich römische architektonische Merkmale.
Die Entwicklung war jedoch keine vollständige Verdrängung der älteren keltischen Siedlung. Vielmehr entstand eine gallorömische Stadt, in der römische Verwaltungs-, Wirtschafts- und Lebensformen mit lokalen Traditionen verbunden wurden.
Die Lage am Genfersee blieb dabei entscheidend.
Von Genava zur Civitas Genavensium
In der Spätantike gewann Genf nochmals an politischer Bedeutung. Während die Stadt in der frühen Kaiserzeit noch als Vicus von Vienna abhängig war, entwickelte sie sich gegen Ende des 3. Jahrhunderts zu einer Civitas. Im 4. Jahrhundert wurde Genf außerdem zum Sitz eines Bischofs.
Damit hatte sich Genf innerhalb weniger Jahrhunderte von einem keltischen Grenzoppidum der Allobroger zu einer bedeutenden spätantiken Stadt entwickelt.
Die spätantike Stadt wurde zudem befestigt. Gleichzeitig entstanden frühe christliche Kirchen. Unter der heutigen Kathedrale Saint-Pierre und ihrer Umgebung wurden archäologische Überreste allobrogischer und römischer Siedlungsphasen sowie älterer Kirchen entdeckt.
Genf und das Burgunderreich
Auch nach dem Ende der römischen Herrschaft blieb Genf ein bedeutender Ort. 443 n. Chr. wurde Genf zur ersten Hauptstadt des Burgunderreiches. Die Stadt erhielt dadurch eine neue politische Bedeutung, die weit über ihre Funktion als spätantike römische Civitas hinausging.
Damit setzte sich eine Entwicklung fort, die bereits in der Antike begonnen hatte: Die günstige Lage Genfs am Genfersee und an der Rhône machte die Stadt immer wieder zu einem wichtigen politischen und wirtschaftlichen Zentrum.