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Die Punische Stadt Lilybaeum – Die bedeutendste Hafenstadt Westsiziliens und Verwaltungssitz der römischen Provinz
Lilybaeum (heute Marsala) war eine der wichtigsten Städte der antiken Mittelmeerwelt. Gegründet von den Karthagern im 4. Jahrhundert v. Chr., entwickelte sie sich aufgrund ihrer strategisch günstigen Lage an der Westspitze Siziliens zu einem bedeutenden Handels- und Kriegshafen.
Nach dem Ersten Punischen Krieg fiel Lilybaeum an Rom und wurde zum wichtigsten Verwaltungszentrum der römischen Provinz Sizilien. Besonders in Ciceros Reden gegen Gaius Verres spielt die Stadt eine bedeutende Rolle, da sich dort der Amtssitz des Statthalters befand.
Die Gründung der Stadt
Lilybaeum entstand um 397 v. Chr. nach der Zerstörung der phönizisch-karthagischen Stadt Motya durch den Tyrannen Dionysios I. von Syrakus. Die überlebenden Bewohner wurden von den Karthagern auf das nahe gelegene Kap umgesiedelt, wo sie die neue Stadt Lilybaeum gründeten.
Der Name der Stadt leitet sich vermutlich vom griechischen Λιλύβαιον (Lilybaion) (auf Libyien bauend / schauend) ab und bezeichnete das westlichste Kap Siziliens.
Durch ihre geschützten Naturhäfen entwickelte sich Lilybaeum rasch zur wichtigsten karthagischen Festung auf Sizilien.
Lilybaeum im Ersten Punischen Krieg
Während des Ersten Punischen Krieges (264–241 v. Chr.) wurde Lilybaeum zum wichtigsten Stützpunkt der Karthager auf Sizilien.
Die Römer versuchten mehrfach, die Stadt einzunehmen.
Besonders bekannt ist die Belagerung von Lilybaeum (250–241 v. Chr.), eine der längsten Belagerungen der antiken Geschichte.
Trotz jahrelanger Angriffe gelang es den Römern zunächst nicht, die hervorragend befestigte Stadt zu erobern. Erst nach dem römischen Seesieg bei den Ägatischen Inseln im Jahr 241 v. Chr. musste Karthago den Krieg beenden und ganz Sizilien an Rom abtreten.
Polybios 1,41–90: Ausführliche Schilderung der Belagerung Lilybaeums und der Kämpfe zwischen Römern und Karthagern.
Lilybaeum als römische Stadt
Nach dem Friedensschluss von 241 v. Chr. wurde Lilybaeum Teil der ersten römischen Provinz Sizilien.
Die Römer übernahmen den bedeutenden Hafen nahezu unverändert und bauten ihn zu einem ihrer wichtigsten Stützpunkte im westlichen Mittelmeer aus.
Dank seiner Lage war Lilybaeum ideal geeignet für:
den Handel mit Afrika,
die Kontrolle der Schifffahrt zwischen Sizilien und Karthago,
militärische Operationen gegen Nordafrika,
die Versorgung römischer Flotten.
Die Stadt blieb dadurch über Jahrhunderte wirtschaftlich bedeutend.
Verwaltungssitz der Provinz Sizilien
Besonders wichtig wurde Lilybaeum als Amtssitz des römischen Statthalters.
Obwohl Syrakus die größte Stadt Siziliens blieb, hielt sich der Statthalter regelmäßig auch in Lilybaeum auf, insbesondere wenn Angelegenheiten des westlichen Siziliens oder des Hafens zu regeln waren. Lilybaion war der Verwaltungssitz für Westsizilien und Syrakus für Ostsizilien.
Die Stadt beherbergte:
den Statthalter (praetor provinciae Siciliae),
den Quästor,
Gerichte,
Verwaltungsbeamte,
Militärabteilungen,
Lagerhäuser für Getreide und andere Staatsgüter.
Von hier aus wurden zahlreiche Verwaltungs- und Gerichtsverfahren durchgeführt.
Lilybaeum bei Cicero
Lilybaeum spielt in Ciceros Verrinen eine besonders wichtige Rolle.
Hier befand sich einer der wichtigsten Amtssitze des Statthalters Gaius Verres, der die Provinz von 73 bis 71 v. Chr. verwaltete.
Cicero berichtet mehrfach von Ereignissen in Lilybaeum.
Der Prozess gegen Sthenius
Der Bürger Sthenius von Thermae wurde von Verres nach Lilybaeum vorgeladen und dort in einem manipulierten Verfahren behandelt.
Cicero, In Verrem II,2,90–127: Cicero schildert ausführlich den Prozess gegen Sthenius und den Missbrauch der richterlichen Gewalt durch Verres.
Die Misshandlung des Sopater
Auch der Fall des Sopater von Halicyae steht im Zusammenhang mit der Rechtsprechung des Statthalters.
Cicero beschreibt, wie Verres seine richterliche Stellung missbrauchte und politische Gegner einschüchterte.
Die Flotte von Lilybaeum
Lilybaeum war zugleich der wichtigste Kriegshafen Westsiziliens.
Von hier aus sollte Verres die römische Flotte gegen Piraten organisieren.
Stattdessen wirft Cicero ihm vor,
die Schiffe schlecht ausgerüstet,
Matrosen bestochen,
Gelder unterschlagen
und die Verteidigung Siziliens vernachlässigt zu haben.
Cicero, In Verrem II,5,76–170: Die berühmte Darstellung des Niedergangs der sizilischen Flotte.
Wirtschaftliche Bedeutung
Lilybaeum war nicht nur Verwaltungszentrum, sondern auch eine der wohlhabendsten Städte Siziliens.
Ihre Bedeutung beruhte vor allem auf:
dem Seehandel,
der Fischerei,
dem Export von Getreide,
dem Handel mit Afrika,
der Nähe zu den Ägatischen Inseln.
Der Hafen zählte zu den sichersten natürlichen Häfen Siziliens und blieb bis in die Kaiserzeit einer der wichtigsten Umschlagplätze des westlichen Mittelmeers.
Lilybaeum in der Kaiserzeit
Auch unter den Kaisern blieb Lilybaeum eine bedeutende Stadt.
Unter Augustus erhielt sie den Status einer Colonia (Colonia Augusta Lilybaeitanorum).
Dadurch siedelten sich zahlreiche römische Veteranen an, und die Stadt wurde weiter ausgebaut.
Der Hafen blieb für Handel und Militär von großer Bedeutung.
Historische Bedeutung
Lilybaeum war also die wichtigste Stadt Westsiziliens und eines der bedeutendsten Zentren der römischen Provinzverwaltung. Ihre hervorragende Lage machte sie zunächst zur stärksten karthagischen Festung Siziliens und später zu einem unverzichtbaren Hafen des römischen Reiches. Durch Ciceros Verrinen besitzt die Stadt zudem einen besonderen Platz in der römischen Rechts- und Verwaltungsgeschichte, da zahlreiche Beispiele für den Amtsmissbrauch des Gaius Verres mit Lilybaeum verbunden sind.