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Die Provinz Gallia Cisalpina
Die Provinz Gallia Cisalpina („Gallien diesseits der Alpen“) bezeichnete das Gebiet Norditaliens zwischen den Alpen und dem Apennin, das von Rom seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. schrittweise erobert und in das römische Herrschaftssystem eingegliedert wurde. Obwohl die Region geografisch zur italienischen Halbinsel gehörte, betrachteten die Römer sie aufgrund ihrer keltischen Bevölkerung zunächst als Teil Galliens.
Erst im 1. Jahrhundert v. Chr. wurde diese politische und rechtliche Sonderstellung endgültig beseitigt: 49 v. Chr. erhielten auch die Bewohner des nördlich des Po gelegenen Gebietes das vollständige römische Bürgerrecht, und um 42 v. Chr. wurde die Gallia Cisalpina schließlich in das italische Kernland eingegliedert.
Strabon, Geographika 5,1,1–2; Cassius Dio 41,36.
Lage und Bedeutung der Gallia Cisalpina
Die Bezeichnung Gallia Cisalpina bedeutet wörtlich „Gallien diesseits der Alpen“ und ist aus römischer Sicht zu verstehen: Für die Römer lagen die Alpen nördlich der Region, sodass das Gebiet südlich davon als cisalpina bezeichnet wurde. Demgegenüber bezeichnete Gallia Transalpina das Gebiet jenseits der Alpen, also insbesondere das spätere Südgallien.
Das Zentrum der Gallia Cisalpina bildete die große Poebene. Im Norden wurde sie von den Alpen begrenzt, im Süden vom Apennin und im Osten von der Adria. Der wichtigste Fluss der Region war der Padus, der heutige Po. Strabon beschreibt die Poebene als eine ausgedehnte Ebene unterhalb der Alpen und bezeichnet das Gebiet ausdrücklich als „Cisalpine Keltike“.
Strabon, Geographika 5,1,1–2.
Allerdings darf die Bezeichnung Gallia Cisalpina nicht so verstanden werden, als habe das gesamte Gebiet ausschließlich aus keltischen Bevölkerungsgruppen bestanden. Neben verschiedenen keltischen Gruppen lebten dort unter anderem Ligurer, Veneter, Räter und andere Bevölkerungsgruppen. Die politische Bezeichnung war daher umfassender als eine ethnische Beschreibung.
Die keltische Besiedlung Norditaliens
Seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. hatten sich verschiedene keltische Gruppen in der Poebene und den angrenzenden Gebieten niedergelassen. Zu den bedeutendsten gehörten die Insubrer, Boier und Cenomani.
Eine besondere Rolle spielten die Insubrer mit ihrem Zentrum Mediolanum, dem heutigen Mailand. Livius berichtet im Zusammenhang mit der keltischen Besiedlung Norditaliens von den verschiedenen gallischen Gruppen, die sich in der Poebene niederließen.
Livius, Ab urbe condita 5,34–35.
Auch die Cenomani waren eine bedeutende Gruppe im östlichen Teil der Poebene. Ihre Siedlungsgebiete lagen ungefähr zwischen den Flüssen Adda und Etsch. Sie unterschieden sich von den Insubrern und Boiern unter anderem durch ihre frühzeitige Annäherung an Rom.
Polybios 2,23–24; Livius 5,35.
Die römische Eroberung
Die römische Expansion in die Poebene begann bereits im 4. und 3. Jahrhundert v. Chr. und nahm im 3. Jahrhundert deutlich an Intensität zu. Rom gründete Kolonien und errichtete Verkehrsverbindungen, um seine Herrschaft dauerhaft abzusichern.
Zu den frühen römischen Kolonien gehörten Placentia und Cremona, die 218 v. Chr., unmittelbar vor dem Einfall Hannibals, gegründet wurden. Damit entstand eine dauerhafte römische Präsenz mitten in der Poebene. Die strategische Bedeutung der Region zeigte sich kurz darauf während des Zweiten Punischen Krieges besonders deutlich.
Als Hannibal 218 v. Chr. über die Alpen nach Italien zog, stieß er zunächst auf die Tauriner. Viele gallische Gruppen Norditaliens schlossen sich anschließend Hannibal an oder unterstützten ihn zumindest zeitweise.
Livius beschreibt beispielsweise, dass sich nach Hannibals Alpenüberquerung gallische und ligurische Gruppen seiner Armee anschlossen.
Livius, Ab urbe condita 21,38.
Nach Hannibals Niederlage begann Rom, seine Herrschaft in Norditalien systematisch auszubauen. Die Poebene wurde zunehmend durch Kolonien, Straßen, Landverteilungen und römische Verwaltungsstrukturen in das Herrschaftsgebiet der Republik integriert.
Von der Eroberung zur Provinz
Die politische Organisation der Region veränderte sich im Laufe der Republik mehrfach. Die Römer behandelten die Gebiete nördlich des Apennin zunächst nicht in jeder Hinsicht wie eine gewöhnliche Provinz. Stattdessen bestanden verschiedene Formen der Abhängigkeit, Bündnisse, Kolonien und lokale Gemeinschaften nebeneinander.
Die eigentliche Provinz Gallia Cisalpina entstand nach der heute verbreiteten Auffassung erst im späten 2. bzw. frühen 1. Jahrhundert v. Chr.; häufig wird dabei die Neuordnung unter Sulla um 81 v. Chr. als entscheidender Schritt genannt. Die genaue Entwicklung ihrer administrativen Form ist allerdings in der Forschung nicht völlig unumstritten.
Die Provinz wurde auch Gallia Citerior („diesseitiges Gallien“) genannt. Diese Bezeichnung bildete das Gegenstück zur Gallia Ulterior bzw. Gallia Transalpina, die jenseits der Alpen lag.
Innerhalb der Gallia Cisalpina lassen sich außerdem zwei größere Bereiche unterscheiden:
Gallia Cispadana – das Gebiet südlich des Po
Gallia Transpadana – das Gebiet nördlich des Po
Diese Einteilung war insbesondere für die unterschiedliche Entwicklung des Bürgerrechts von Bedeutung.
Die Verleihung des Bürgerrechts südlich des Po
Eine wichtige Veränderung brachte der Bundesgenossenkrieg (bellum sociale) von 91–88 v. Chr. Während des Konflikts erhielten zahlreiche italische Bevölkerungsgruppen das römische Bürgerrecht.
Davon profitierte auch der südlich des Po gelegene Teil der Gallia Cisalpina. Durch die lex Iulia de civitate von 90 v. Chr. und die lex Plautia Papiria von 89 v. Chr. wurde die rechtliche Integration weiter vorangetrieben. Für die nördlich des Po gelegenen Gemeinden war die Situation dagegen zunächst anders.
Besonders wichtig war die lex Pompeia des Jahres 89 v. Chr., die den Gemeinden der Transpadana das latinische Recht (ius Latii) verlieh. Damit erhielten sie noch nicht das vollständige römische Bürgerrecht, wurden aber rechtlich deutlich stärker an das römische Gemeinwesen herangeführt.
Caesar und die Gallia Cisalpina
Für die Geschichte der Gallia Cisalpina wurde schließlich Gaius Iulius Caesar von besonderer Bedeutung.
Durch die lex Vatinia von 59 v. Chr. erhielt Caesar unter anderem die Statthalterschaft über die Gallia Cisalpina. Zusammen mit der Gallia Transalpina und Illyricum bildete sie den Ausgangspunkt seiner politischen und militärischen Machtbasis. Seine Amtszeit wurde 55 v. Chr. verlängert.
Während des Gallischen Krieges war die Gallia Cisalpina deshalb für Caesar von enormer strategischer Bedeutung. Von hier aus konnte er schnell Truppen und Nachschub in Richtung Gallien führen, während er gleichzeitig in unmittelbarer Nähe zu Italien über eine bedeutende militärische Macht verfügte.
Die Gallia Cisalpina und der Rubikon
Besonders berühmt wurde die Provinz durch ihre Lage am Rubikon.
Der Rubikon bildete in Caesars Zeit die Grenze zwischen der Gallia Cisalpina und dem eigentlichen Italien. Caesar war als Statthalter verpflichtet, sein Provinzgebiet ohne sein Heer zu verlassen. Der Übergang des Flusses mit Truppen bedeutete daher, dass er die Grenze Italiens unter Waffen überschritt.
Als der Konflikt zwischen Caesar und dem Senat Anfang 49 v. Chr. eskalierte, marschierte Caesar von Ravenna in Richtung Süden. Der Rubikon markierte dabei die entscheidende Grenze.
Sueton berichtet, dass Caesar am Fluss innehielt und sich bewusst machte, dass mit dem Überschreiten des kleinen Flusses ein bewaffneter Konflikt unvermeidlich werden würde.
Sueton, Divus Iulius 31,2.
Auch Plutarch betont die Bedeutung des Flusses als Grenze zwischen Italien und Caesars Provinz.
Plutarch, Caesar 32.
Das römische Bürgerrecht für die Transpadana
Noch im Jahr 49 v. Chr. änderte Caesar die rechtliche Stellung der Bewohner der Gallia Cisalpina grundlegend.
Mit der lex Roscia erhielten auch die Bewohner der Transpadana das vollständige römische Bürgerrecht. Damit bestand rechtlich kein wesentlicher Unterschied mehr zwischen ihnen und den übrigen römischen Bürgern Italiens.
Strabon beschreibt rückblickend, dass die Römer den Bewohnern der Cisalpina schließlich die gleichen Bürgerrechte verliehen und sie dadurch gemeinsam mit den übrigen Bewohnern Italiens unter der Bezeichnung „Italiker und Römer“ zusammenfassten.
Strabon, Geographika 5,1,1.
Das Ende der Provinz
Die Entwicklung war damit jedoch noch nicht vollständig abgeschlossen. Auch nach der Verleihung des Bürgerrechts blieb die Gallia Cisalpina zunächst noch als Provinz bestehen.
Erst während des Zweiten Triumvirats wurde die Grenze Italiens nach Norden bis an die Alpen vorgeschoben. In den Jahren 42/41 v. Chr. verlor die Gallia Cisalpina ihren Provinzstatus und wurde endgültig dem italischen Kernland zugerechnet.
Damit war die jahrhundertelange Sonderstellung Norditaliens beendet: Aus dem ehemals als „Gallien“ betrachteten Gebiet war ein Teil Italiens geworden.
Bedeutende Städte der Gallia Cisalpina
Die Region besaß zahlreiche bedeutende Städte, von denen einige bereits vor der römischen Eroberung wichtige Zentren gewesen waren.
Mediolanum – Mailand
Mediolanum, das heutige Mailand, war das wichtigste Zentrum der Insubrer und entwickelte sich unter römischer Herrschaft zu einer der bedeutendsten Städte Norditaliens. Seine Lage in der Poebene machte es zu einem wichtigen politischen und wirtschaftlichen Mittelpunkt.
Strabon 5,1; Plinius, Naturalis historia 3,124–125.
Cremona
Cremona wurde 218 v. Chr. als römische Kolonie gegründet. Die Stadt lag strategisch günstig am Po und diente Rom als wichtiger Stützpunkt in der Poebene.
Placentia
Auch Placentia, das heutige Piacenza, wurde 218 v. Chr. gegründet. Zusammen mit Cremona sollte die Kolonie die römische Kontrolle über die Poebene sichern.
Mutina
Mutina, das heutige Modena, entwickelte sich ebenfalls zu einem bedeutenden römischen Zentrum. Während der späten Republik spielte die Stadt insbesondere in den Bürgerkriegen eine wichtige Rolle.
Bononia
Bononia, das heutige Bologna, war eine weitere bedeutende römische Kolonie. Ihre Lage an wichtigen Verkehrswegen machte sie zu einem wichtigen Knotenpunkt zwischen Mittelitalien und der Poebene.
Wichtige moderne Forschungsliteratur
Harris, W. V.: „Roman Expansion in the West“, in: The Cambridge Ancient History, Bd. VIII, Cambridge 1989, S. 107–162.
Bandelli, Gino: „The Transpadana communities from the Gallic War of 225–222 BC to the 89 BC Lex Pompeia. Recent data and open problems on some institutional issues“, Gerión 36 (2018).
Bandelli, Gino / Chiabà, Monica: „Le amministrazioni locali nella Transpadana orientale: dalla provincia repubblicana della Gallia Cisalpina alla provincia tardoantica della Venetia et Histria“, Mélanges de l'École française de Rome – Antiquité 117,2 (2005), S. 439–463.
Ando, Clifford: „The Changing Face of Cisalpine Identity“, in: A. E. Cooley (Hg.), A Companion to Roman Italy, Oxford 2016, S. 269–287.
Piegdoń, Maciej: Cisalpine Gaul. Studies on the Roman Presence in Northern Italy 3rd–1st C BC, Kraków 2009.
Gagliardi, L.: „Lo ‘snodo’ del 90/89 a.C.: Municipalizzazione dell’Italia e latinizzazione della Gallia Cisalpina“, in: Il diritto romano e la sua tradizione, 2024, S. 287–301.
Kantor, Georgy: „lex (Rubria) de Gallia Cisalpina“, Oxford Classical Dictionary, 2018. Die Untersuchung behandelt die sogenannte lex de Gallia Cisalpina und die lokale Gerichtsbarkeit in der ehemaligen Provinz.