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Die latinische Stadt Tibur
Tibur, das heutige Tivoli, war eine der ältesten und bedeutendsten Städte des antiken Latiums. Die Stadt lag etwa 25–30 km östlich von Rom am Fluss Anio und damit an einem strategisch wichtigen Übergang zwischen Rom, dem Landesinneren und den Gebirgsregionen des Apennin.
Tibur war bereits vor der Entstehung Roms besiedelt und gehörte zu den bedeutenden Städten des Latinerbundes. Über lange Zeit bewahrte die Stadt ihre politische Eigenständigkeit und geriet wiederholt in Konflikt mit Rom. Besonders im 4. Jahrhundert v. Chr. wurde Tibur zu einem wichtigen Gegner Roms.
Livius 7,9–19; 8,12–14
Erst nach dem großen Krieg gegen die Latiner und Tiburtiner im Jahr 338 v. Chr. wurde Tibur dauerhaft in die römische Hegemonialsphäre eingebunden. Die Stadt verlor einen Teil ihres Territoriums, behielt aber lange einen besonderen Grad an Selbstständigkeit. Erst 90 v. Chr. erhielten die Tiburtiner das römische Bürgerrecht.
Die Gründung und das hohe Alter Tiburs
Die antiken Autoren betrachteten Tibur als eine sehr alte Stadt, die bereits lange vor Rom bestanden habe.
Dionysios von Halikarnassos bringt Tibur sogar mit den Siculi in Verbindung, die seiner Darstellung zufolge vor der Ankunft anderer Bevölkerungsgruppen in Italien lebten.
Dionysios von Halikarnassos 1,16,1–3
Daneben existierte eine andere Gründungssage, nach der Catillus, Tiburnus und Cora – drei aus Griechenland stammende Brüder – Tibur gegründet hätten.
Der bekannteste dieser mythischen Gründer war Tiburnus, nach dem die Stadt ihren Namen erhalten haben soll.
Diese Tradition wurde besonders von den römischen Dichtern aufgegriffen.
Vergil, Aeneis 7,670–671
Vergil nennt dort die moenia Tiburtia und verbindet die Stadt mit den Brüdern Tiburnus, Catillus und Cora.
Auch Horaz bezeichnet Tibur als moenia Catili.
Horaz, Carmina 1,18,2; 2,6,5
Die Gründungsgeschichten sind allerdings mythische Überlieferungen und kein historischer Beweis für eine tatsächliche griechische Kolonisation Tiburs. Sicher ist lediglich, dass die Stadt eine sehr alte Siedlung war. Die antiken Autoren selbst verwendeten die verschiedenen Gründungssagen vor allem, um das hohe Alter und den angesehenen Ursprung der Stadt zu erklären.
Lage und strategische Bedeutung
Tibur lag am Anio, einem wichtigen Flusslauf, und beherrschte einen Verkehrsweg, der von Rom in Richtung Apennin führte.
Die Stadt lag außerdem an der Via Tiburtina, die Rom mit Tibur und weiter mit den Gebirgsregionen verband.
Diese Lage machte Tibur für Rom strategisch besonders wichtig.
Die Stadt war zugleich durch ihre Lage auf einem erhöhten Gelände und durch Schluchten und Wasserläufe gut geschützt.
Strabon 5,3,11
Strabon beschreibt Tibur zusammen mit Praeneste und Tusculum als eine der Städte, die von Rom aus sichtbar waren.
Die Entfernung zur Hauptstadt war also relativ gering, gleichzeitig lag Tibur hoch genug, um eine starke natürliche Verteidigungsposition zu besitzen.
Tibur und der Latinerbund
Tibur gehörte zu den bedeutenden Städten des Latinerbundes.
Damit war die Stadt Teil eines Netzwerks latinischer Gemeinden, die religiös und politisch miteinander verbunden waren.
Tibur besaß allerdings eine besondere Stellung. Es war nicht einfach eine unbedeutende Stadt unter römischer Kontrolle, sondern verfügte über beträchtliche eigene Macht.
Plinius, Naturalis Historia 16,237
Plinius zählt Tibur zu den bedeutenden Städten des Latinergebietes und hebt seine Stellung hervor.
Die Beziehungen zwischen Rom und Tibur waren deshalb keineswegs von Anfang an durch römische Vorherrschaft bestimmt.
Tibur als Gegner Roms
In der frühen Republik wird Tibur in der römischen Überlieferung zunächst nicht als ständiger Feind Roms dargestellt.
Das änderte sich im 4. Jahrhundert v. Chr.
Im Jahr 357 v. Chr. kam es zu einem offenen Konflikt zwischen Rom und Tibur.
Livius berichtet, dass die Tiburtiner den zurückkehrenden römischen Konsuln Gaius Sulpicius und Gaius Licinius die Stadttore verschlossen.
Bereits zuvor hatte es Beschwerden und Spannungen zwischen beiden Seiten gegeben.
Livius 7,9,1–4
Die römische Seite betrachtete das Verhalten der Tiburtiner schließlich als ausreichenden Grund, den Krieg zu erklären.
Das Bündnis mit den Galliern
Besonders problematisch für Rom wurde Tibur durch seine Verbindung mit den Galliern.
Nachdem gallische Truppen in Mittelitalien aufgetreten waren, zogen sie sich in Richtung Tibur zurück.
Livius berichtet, dass die Gallier mit Tibur ein Bündnis eingingen und von den Tiburtinern mit Lebensmitteln versorgt wurden.
Livius 7,11,1–3
Die Gallier zogen anschließend weiter nach Süden. Für Rom bedeutete die Verbindung zwischen Tibur und den Galliern jedoch eine erhebliche Bedrohung, weil Tibur unmittelbar vor dem römischen Einflussgebiet lag.
Als die Gallier später erneut zur Unterstützung Tiburs zurückkehrten, eskalierte der Konflikt.
Livius 7,11–12
Die Tiburtiner griffen Rom schließlich sogar nachts an.
Livius 7,12,1–4
Damit zeigt sich, wie ernst der Konflikt zwischen beiden Städten zu diesem Zeitpunkt geworden war.
Der Krieg gegen Tibur
Der Krieg dauerte mehrere Jahre.
Die Römer gingen zunehmend gegen das Gebiet Tiburs vor und eroberten auch von Tibur abhängige Orte.
Besonders wichtig war die Eroberung von Empulum.
Livius 7,18,1
Im folgenden Jahr wurde auch Sassula erobert.
Livius 7,19,1–2
Die Tiburtiner sahen sich schließlich gezwungen, ihre Waffen niederzulegen und Frieden mit Rom zu schließen.
Livius berichtet ausdrücklich, dass die Tiburtiner unterworfen wurden und ein Triumph über sie gefeiert wurde.
Livius 7,19,1–2
Damit war der Krieg allerdings noch nicht das endgültige Ende der politischen Eigenständigkeit Tiburs.
Tibur und die Latinische Frage
Tibur schloss sich später erneut den Gegnern Roms an.
Im Zusammenhang mit dem Latinerkrieg wird die Stadt erneut als Gegner Roms genannt.
Nach der Niederlage der Latiner wurde Tibur zusammen mit Praeneste und Velitrae besonders streng behandelt.
Livius 8,14,1–5
Livius erklärt die besondere Härte gegenüber Tibur unter anderem damit, dass die Stadt zuvor mit den Galliern gemeinsame Sache gemacht hatte.
Tibur verlor einen Teil seines Territoriums und erhielt nicht dieselben Bedingungen wie einige andere latinische Städte.
Trotzdem blieb die Stadt zunächst formal eigenständig.
Livius 8,14,5–6
Das ist für die Geschichte Tiburs besonders wichtig:
338 v. Chr. bedeutete nicht einfach die vollständige Eingliederung Tiburs in den römischen Staat.
Vielmehr entstand eine besondere Beziehung zwischen Rom und der Stadt. Tibur blieb noch über längere Zeit eine eigenständige Gemeinde mit eigenen Institutionen.
Tibur als Zufluchtsort
Die besondere politische Stellung Tiburs zeigt sich daran, dass die Stadt römischen Verbannten als Zufluchtsort dienen konnte.
Das war ein ungewöhnliches Privileg.
Ein berühmtes Beispiel stammt bereits aus der Frühzeit der Republik: Marcus Claudius, der im Zusammenhang mit dem Prozess gegen Verginia angeklagt worden war, ging nach Tibur ins Exil.
Livius berichtet, dass Marcus Claudius nach seiner Verurteilung nach Tibur ins Exil ging.
Polybios 6,14,8–9
Polybios erwähnt Tibur zusammen mit Praeneste als Ort, an den sich römische Verbannte zurückziehen konnten.
Die berühmte Geschichte der Tibicines
Eine besonders bekannte Episode findet sich bei Livius im Jahr 310 v. Chr.
Die römischen tibicines, also die Flötenspieler, waren mit den Zensoren in Konflikt geraten und verließen Rom.
Sie zogen nach Tibur.
Der römische Senat musste daraufhin Gesandte nach Tibur schicken, weil die Musiker für bestimmte religiöse Zeremonien in Rom benötigt wurden.
Die Tiburtiner empfingen die römischen Gesandten freundlich und entwickelten schließlich eine List: Sie veranstalteten ein Fest für die Musiker, machten sie betrunken und brachten sie anschließend auf Wagen zurück nach Rom.
Livius 9,30,5–8
Die Geschichte zeigt auf humorvolle Weise, dass Tibur auch nach den römischen Siegen noch über einen beträchtlichen Grad an politischer Eigenständigkeit verfügte.
Rom musste mit der Stadt verhandeln, statt einfach über sie zu verfügen.
Tibur und das römische Bürgerrecht
Tibur behielt diese besondere Stellung bis in die späte Republik.
Erst im Zusammenhang mit dem Bundesgenossenkrieg erhielt die Bevölkerung von Tibur das vollständige römische Bürgerrecht.
Die Stadt wurde damit zu einem Municipium innerhalb des römischen Staates.
Die Überlieferung datiert diesen Schritt auf 90 v. Chr.
Damit verschwand die alte politische Eigenständigkeit Tiburs endgültig.
Die Stadt wurde nun Teil des römischen Bürgerverbandes, behielt aber als municipium ihre eigene lokale Verwaltung.
Festus nennt Tibur ausdrücklich unter den Gemeinden, deren Einwohner das römische Bürgerrecht erhielten, während ihre eigenen Städte als municipia bestehen blieben.
Festus, De verborum significatione 155 Lindsay
Tibur in der späten Republik
Mit der Eingliederung in den römischen Bürgerverband änderte sich die Rolle Tiburs grundlegend.
Aus einer ehemals selbstständigen Stadt und politischen Gegnerin Roms wurde nun ein Teil der römischen Gesellschaft.
Gleichzeitig machte die günstige Lage Tibur zu einem beliebten Aufenthaltsort der römischen Oberschicht.
Bereits in der späten Republik entstanden dort zahlreiche Villen wohlhabender Römer.
Die Stadt war wegen ihrer Landschaft, des Wassers und des angenehmen Klimas attraktiv.
Cicero, De oratore 2,263; 2,276
Cicero erwähnt die gewaltige Villa des Quintus Caecilius Metellus Numidicus bei Tibur.
Damit lässt sich bereits für die späte Republik erkennen, dass Tibur nicht mehr nur als ehemalige Gegnerstadt Roms wahrgenommen wurde, sondern zunehmend als Wohn- und Erholungsort der römischen Elite.
Tibur und die Dichter
Besonders berühmt wurde Tibur in der römischen Literatur.
Der Dichter Horaz hatte eine enge Verbindung zur Stadt und bezeichnete Tibur mehrfach als einen Ort, an dem er gerne leben würde.
Horaz, Carmina 1,7,11–14
Auch in Carmina 2,6 beschreibt Horaz Tibur als einen Ort, an dem er gerne seinen Lebensabend verbringen möchte.
Horaz, Carmina 2,6,1–6
Tibur wurde dadurch zu einem literarischen Symbol für Ruhe, Natur und Rückzug aus dem hektischen Leben Roms.
Auch Catull, Properz, Ovid und Statius erwähnen Tibur in ihren Werken.
Der Kult des Hercules in Tibur
Eine besondere Bedeutung besaß Tibur für den Kult des Hercules.
Die Stadt war in der Antike geradezu für ihr Heiligtum des Hercules bekannt.
Das große Heiligtum des Hercules Victor gehörte zu den bedeutendsten Monumenten Tiburs.
Strabon 5,3,11
Strabon nennt das Heiligtum des Hercules zusammen mit den Wasserfällen des Anio als besonders charakteristische Sehenswürdigkeiten Tiburs.
Auch die römische Literatur bezeichnet Tibur häufig als einen Ort des Hercules.
Horaz, Carmina 2,6,5; Properz 2,32,5
Der Herculeskult war damit ein wichtiger Bestandteil der religiösen Identität Tiburs.
Die Landschaft und der berühmte Travertin
Tibur war nicht nur wegen seiner politischen und religiösen Bedeutung bekannt.
Die Stadt lag in einer außergewöhnlichen Landschaft mit:
dem Fluss Anio,
Wasserfällen,
Schluchten,
bewaldeten Hängen
und reichen Steinbrüchen.
Besonders wichtig war der lapis Tiburtinus, der berühmte Travertin.
Dieser helle Kalkstein wurde in der Umgebung von Tibur abgebaut und war ein wichtiger Baustoff der römischen Welt.
Der Name tiburtinus erinnert noch heute an seine Herkunft.
Plinius der Ältere, Naturalis Historia 36,166–168
Plinius beschreibt die verschiedenen Arten von Stein und die Verwendung des Tiburtiner Steins.
Tibur in der Kaiserzeit
In der Kaiserzeit entwickelte sich Tibur endgültig zu einem bevorzugten Aufenthaltsort der römischen Oberschicht.
Besonders bedeutend wurde die Stadt unter Hadrian.
Der Kaiser ließ in der Nähe von Tibur seine gewaltige Villa Hadriana errichten.
Die Anlage war kein gewöhnliches Landhaus, sondern ein riesiger Komplex aus Palästen, Gärten, Thermen, Bibliotheken, Theatern und Heiligtümern.
Die Villa zeigt eindrucksvoll, welche Bedeutung die Landschaft von Tibur für die römische Elite inzwischen gewonnen hatte.
Die politische Geschichte Tiburs als unabhängige Stadt war zu diesem Zeitpunkt längst beendet. An ihre Stelle war die Funktion als repräsentativer Wohn- und Erholungsort getreten.