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Die Auguren (Augures) – Die Deuter des göttlichen Willens im alten Rom
Die Auguren (augures) gehörten zu den bedeutendsten Priesterkollegien des antiken Rom. Ihre wichtigste Aufgabe bestand darin, den Willen der Götter durch die Beobachtung von Zeichen (auspicia) zu erkennen. Bevor wichtige politische, militärische oder religiöse Entscheidungen getroffen wurden, musste geprüft werden, ob die Götter ihr Einverständnis gaben. Die Auguren entschieden dabei nicht über die Zukunft, sondern darüber, ob ein Vorhaben unter einem günstigen göttlichen Vorzeichen begonnen werden durfte. Dadurch übten sie großen Einfluss auf das öffentliche Leben der römischen Republik aus.
Die Herkunft des Augurats
Der Ursprung des Augurenamtes reicht nach römischer Überlieferung bis in die Königszeit zurück.
Bereits der sagenhafte Stadtgründer Romulus soll seinen Anspruch auf die Herrschaft durch Vogelschau bewiesen haben. Als Romulus und sein Bruder Remus darüber stritten, wer die neue Stadt gründen dürfe, beobachteten beide den Flug der Vögel. Remus sah zuerst sechs Geier, Romulus anschließend zwölf. Die Auguren deuteten dies als Zeichen zugunsten des Romulus.
Diese Episode machte die Auspizien zu einem grundlegenden Bestandteil des römischen Staatswesens. (Liv. 1,6-7)
Die Aufgabe der Auguren
Die Auguren hatten nicht die Aufgabe, Ereignisse vorherzusagen.
Vielmehr prüften sie,
ob die Götter ein Vorhaben billigten,
ob ein gewählter Tag günstig war,
ob religiöse Vorschriften eingehalten wurden.
Sie beantworteten also nicht die Frage:
„Was wird geschehen?“
sondern:
„Darf dieses Vorhaben nach dem Willen der Götter begonnen werden?“
Die wichtigste Tätigkeit der Auguren war die Durchführung der Auspizien.
Das Wort auspicium bedeutet wörtlich:
avis = Vogel
specere = beobachten
Ursprünglich stand also die Vogelschau im Mittelpunkt.
Mit der Zeit wurden jedoch zahlreiche weitere Zeichen berücksichtigt.
Welche Zeichen wurden beobachtet?
Der Vogelflug
Besonders wichtig waren:
Anzahl der Vögel,
Flugrichtung,
Flughöhe,
Verhalten,
Ruf der Vögel.
Vor allem Adler, Geier und andere Greifvögel galten als bedeutsam.
Das Fressverhalten der heiligen Hühner
Vor militärischen Feldzügen wurden häufig die pulli sacri (heilige Hühner) beobachtet.
Fraßen sie gierig und fiel Futter aus ihren Schnäbeln auf den Boden (tripudium solistimum), galt dies als besonders günstiges Zeichen.
Verweigerten sie das Futter, wurde der Feldzug häufig verschoben.
Weitere Zeichen
Auch diese konnten als göttliche Zeichen gelten:
Blitz und Donner,
ungewöhnliche Naturereignisse,
bestimmte Tierbeobachtungen,
außergewöhnliche Himmelserscheinungen.
Die Deutung solcher Zeichen lag ebenfalls im Aufgabenbereich der Auguren.
Das Templum
Bevor ein Augur die Auspizien vornahm, grenzte er mit seinem gekrümmten Stab (lituus) einen heiligen Beobachtungsraum ab.
Dieser hieß Templum. Dabei handelte es sich ursprünglich nicht um ein Gebäude, sondern um einen symbolisch abgegrenzten Bereich des Himmels und der Erde, innerhalb dessen die Zeichen der Götter beobachtet wurden.
Erst später wurde das Wort templum auch auf Tempelbauten übertragen.
Der Lituus
Das wichtigste Amtszeichen des Auguren war der Lituus, ein langer, oben gebogener Stab ohne Knoten.
Mit ihm markierte der Augur das Templum und vollzog die rituellen Handlungen.
Der Lituus wurde später selbst zu einem Symbol des Augurenamtes.
Politische Bedeutung
Die Auguren besaßen erheblichen politischen Einfluss.
Nahezu jede wichtige staatliche Handlung erforderte günstige Auspizien.
Dazu gehörten unter anderem:
Wahlen,
Volksversammlungen,
Senatssitzungen,
Kriegserklärungen,
Friedensschlüsse,
Amtsantritte hoher Magistrate.
Ergaben sich ungünstige Vorzeichen, konnte ein Vorhaben verschoben oder sogar für ungültig erklärt werden.
Dadurch hatten die Auguren indirekt großen Einfluss auf die Politik.
Wer durfte Auspizien einholen?
Nicht nur die Auguren selbst.
Hohe Magistrate mit Imperium besaßen das Recht, auspicia habere, also selbst Auspizien einzuholen.
Dazu gehörten:
Konsuln,
Die Auguren unterstützten sie dabei und wachten über die korrekte Durchführung der Rituale.
Das Augurenkollegium
Die Auguren bildeten ein eigenes Priesterkollegium.
Ursprünglich bestand es wohl aus drei Mitgliedern.
Später wurde die Zahl mehrfach erhöht:
auf vier,
später neun,
unter Lucius Cornelius Sulla auf fünfzehn,
unter Gaius Julius Caesar auf sechzehn.
Die Mitgliedschaft galt als lebenslang und war eine große Auszeichnung.
Die Auguren bei Livius
Livius erwähnt die Auguren und ihre Tätigkeit an zahlreichen Stellen.
Romulus und Remus beobachten die Geier, um den göttlichen Willen über die Gründung Roms zu erfahren.
Diese Episode bildet den Ursprung der römischen Auspizien.
König Numa Pompilius lässt sich nach den Auspizien zum König einsetzen und unterstreicht damit die religiöse Legitimation seiner Herrschaft.
Lucius Tarquinius Priscus wird durch günstige Vogelschau in seinem Vorhaben bestätigt.
Die Auguren greifen in einen politischen Streit ein und erklären eine Wahl wegen fehlerhafter Auspizien für ungültig.
Dies zeigt den großen politischen Einfluss des Kollegiums.
Livius 6,41
Auch bei der Wahl von Magistraten wird auf die korrekte Durchführung der Auspizien geachtet.
Die Auguren und Cicero
Der Redner Marcus Tullius Cicero war selbst Augur.
In seinem Werk De divinatione beschreibt er ausführlich die Aufgaben und Bedeutung des Augurenkollegiums und unterscheidet klar zwischen der religiösen Prüfung der Auspizien und eigentlicher Wahrsagerei.