Das Auspicium (Plural: Auspicia)
Das Auspicium bezeichnet im römischen Staats- und Religionswesen die rituelle Beobachtung des Vogelflugs (oder anderer Himmelszeichen), um den Willen der Götter zu erkennen und staatliche Entscheidungen religiös zu legitimieren.
1. Was ist ein Auspicium genau?
Das Wort leitet sich von avis (Vogel) und specere (schauen) ab – also „Vogelschau“.
Gemeint ist jedoch nicht irgendeine Naturbeobachtung, sondern ein streng geregeltes religiöses Ritual, mit dem vor wichtigen Handlungen die Zustimmung der Götter eingeholt wurde.
Es war damit ein zentrales Instrument der römischen Staatsreligion.
2. Wie läuft ein Auspicium ab?
Der Ablauf war formalisiert und keineswegs zufällig:
Abgrenzung eines heiligen Bezirks (templum)
Ein Priester (meist ein Augur) bestimmte mit seinem Stab (lituus) einen festgelegten Himmels- und Beobachtungsraum.
Gebet und Anrufung der Götter
Die Götter wurden angerufen, ein klares Zeichen zu geben.
Beobachtung der Zeichen
Besonders wichtig war:
Flugrichtung der Vögel
Anzahl der Vögel
Lautäußerungen
Verhalten heiliger Hühner (z. B. vor Schlachten)
Deutung durch den Augur (Nicht zu verwechseln mit einem Haruspex, der die Eingeweide von Tieren deutet)
Das Zeichen wurde als günstig (auspicia bona) oder ungünstig (auspicia mala) erklärt.
Erst danach durfte eine geplante Handlung stattfinden.
3. Wer durfte Auspicia durchführen?
Das Recht auf Auspicia (ius auspiciorum) hatten:
Konsuln
Prätoren
Diktatoren
später auch andere hohe Magistrate
Die religiöse Durchführung übernahmen oft Mitglieder des Priesterkollegiums der Auguren.
4. Warum war das so wichtig?
Das Auspicium war weit mehr als Aberglaube – es war ein Machtinstrument:
Politische Legitimation: Keine Volksversammlung, kein Gesetz, keine Wahl ohne Auspicia.
Militärische Entscheidungen: Schlachten wurden nur mit göttlicher Zustimmung begonnen.
Rechtliche Wirkung: Ein ungünstiges Zeichen konnte eine Versammlung auflösen.
Verbindung von Religion und Staat: Die Römer sahen ihre politische Ordnung als göttlich getragen.
Ohne gültige Auspicia galt eine Handlung als religiös fehlerhaft (vitium) und konnte später angefochten werden. Wenn es schlechte Vorzeichen gab, durfte keine politische Entscheidung getroffen werden und keine Versammlung stattfinden. Daher wurden Auguren oft bestochen, damit zu 100 Prozent auch das gewollte Vorzeichen auftritt. Auch Niederlagen in Schlachten wurden oft auf schlechte oder übersehene Vorzeichen geschoben.
5. Grundgedanke
Für die Römer war Religion keine Privatsache, sondern Staatsangelegenheit.
Das Auspicium stellte sicher, dass der Staat im Einklang mit dem göttlichen Willen handelte.
Es war also ein Mittel, Ordnung, Stabilität und göttliche Legitimation zu sichern.