Falls du weitere Fragen hast oder ein Thema/eine Person genauer erklärt bekommen willst, melde dich einfach unverbindlich unter info@einfachlatein.de! Ich helfe dir gerne weiter!
Der Volksstamm der Vocontier – Lage, Geschichte und Bedeutung
Die Vocontier (Vocontii) waren ein bedeutender keltischer Volksverband im Südosten Galliens. Ihr Siedlungsgebiet lag südlich der Allobroger und erstreckte sich vor allem über die westlichen Ausläufer der Alpen sowie die Täler der Drôme und der oberen Durance.
Die Lage des Gebietes
Das Gebiet der Vocontier befand sich im heutigen Südosten Frankreichs. Es umfasste ungefähr die Landschaft zwischen Rhône, Durance, Drôme und den westlichen Voralpen. Im Norden grenzten die Vocontier an die Allobroger, während sich weiter westlich und südwestlich die Gebiete der Segovellaunen, Kavaren und Salyer anschlossen. Damit kontrollierten sie einen wichtigen Übergangsraum zwischen dem Rhônetal, der Provence und den Alpen.
Die Landschaft war durch Gebirge und Flusstäler geprägt. Besonders wichtig waren die Täler der Drôme und der Durance, die natürliche Verkehrswege zwischen dem Rhônetal, der Provence und den Alpen bildeten. Die Lage des Gebietes machte die Vocontier daher auch für die Römer strategisch interessant.
Eine frühe Erwähnung der Vocontier findet sich bereits bei Livius im Zusammenhang mit dem Alpenzug Hannibals im Jahr 218 v. Chr. Nachdem Hannibal die Auseinandersetzungen unter den Allobrogern beigelegt hatte, zog er nach Livius zunächst durch das Gebiet der Tricastiner und anschließend am Rand des Gebietes der Vocontier entlang, bevor er das Land der Trikorier und schließlich die Durance erreichte.
Livius, Ab urbe condita 21,31,9
Die Vocontier und die römische Eroberung
Die römische Expansion nach Südgallien begann im späten 2. Jahrhundert v. Chr. zunächst vor allem aufgrund der engen Beziehungen Roms zu Massilia. Die Kämpfe gegen die ligurischen und gallischen Völker in der Umgebung von Massilia führten dazu, dass Rom seine Herrschaft immer weiter nach Norden ausdehnte. Auch die Vocontier waren von diesen frühen römischen Feldzügen betroffen.
Die römischen Triumphalfasten nennen den Konsul Marcus Fulvius Flaccus als Sieger über die Vocontier im Jahr 123 v. Chr. Die Vocontier wurden damit in den Bereich der römischen Vorherrschaft in Südgallien einbezogen.
Anders als beispielsweise die Allobroger wurden sie jedoch nicht zu einer gewöhnlichen, unmittelbar von einem römischen Statthalter verwalteten Gemeinschaft gemacht. Vielmehr erhielten sie einen besonderen Status.
Dies war für die spätere Geschichte der Vocontier von großer Bedeutung: Ihre politische Eigenständigkeit wurde in gewissem Umfang bewahrt, obwohl ihr Gebiet Teil der römischen Provinz wurde.
Die Vocontier in der Gallia Transalpina
Zur Zeit Caesars gehörte das Gebiet der Vocontier zur Gallia Transalpina, der römischen Provinz in Südgallien. Caesar selbst erwähnt die Vocontier zu Beginn seines Berichts über den Gallischen Krieg.
Als Caesar im Jahr 58 v. Chr. von Italien aus nach Norden marschierte, überquerte sein Heer die Alpen. Nachdem er mehrere Alpenvölker besiegt hatte, gelangte er in das Gebiet der Vocontier:
Caesar, De bello Gallico 1,10,4
septimo die ad Vocontiorum fines in provincia ulteriore pervenit.
Caesar beschreibt damit die Vocontier ausdrücklich als Teil der provincia. Ihr Gebiet gehörte also bereits vor Beginn des Gallischen Krieges zur römischen Provinzordnung. Von dort marschierte Caesar weiter in das Gebiet der Allobroger und schließlich in Richtung Genfersee, wo sich die Auseinandersetzung mit den Helvetiern entwickelte.
Der Aufstand unter Marcus Fonteius
Die Eingliederung in die römische Provinz bedeutete allerdings nicht, dass die Beziehungen zwischen Rom und den Vocontiern immer friedlich waren. Besonders während des Sertorianischen Krieges in Spanien kam es in der Gallia Transalpina zu erheblichen Spannungen.
Der römische Statthalter Marcus Fonteius verwaltete die Provinz in den Jahren um 76–74 v. Chr. In dieser Zeit erhoben sich verschiedene gallische Gruppen gegen die römische Verwaltung; auch die Vocontier gehörten zu den Gegnern des Statthalters. Fonteius ging militärisch gegen sie vor.
Die Ereignisse sind vor allem durch Ciceros Rede Pro Fonteio bekannt. Cicero verteidigte Fonteius im Jahr 69 v. Chr. gegen Vorwürfe gallischer Gemeinden. Zu den Anschuldigungen gehörten unter anderem übermäßige Abgaben und Belastungen, die während der Verwaltung der Provinz erhoben worden waren. Cicero erwähnt dabei ausdrücklich den Krieg gegen die Vocontier.
Cicero, Pro Fonteio 20–21
Die Rede ist zugleich eine wichtige Quelle für die Beziehungen zwischen den gallischen Bevölkerungsgruppen und der römischen Provinzverwaltung in der späten Republik. Sie zeigt, dass die Eingliederung in die römische Herrschaft keineswegs automatisch eine konfliktfreie Romanisierung bedeutete.
Die besondere Stellung der Vocontier
Unter der römischen Herrschaft entwickelten die Vocontier eine ungewöhnliche politische Organisation. Sie blieben eine civitas foederata, also eine mit Rom durch einen besonderen Vertrag verbundene Gemeinschaft. Damit unterschieden sie sich von vielen anderen Städten der Gallia Narbonensis.
Besonders auffällig war, dass die Vocontier nicht nur einen einzigen zentralen Hauptort besaßen. Plinius der Ältere nennt ausdrücklich zwei Hauptorte:
Vasio et Lucus Augusti, Vocontiorum capita.
Plinius, Naturalis historia 3,37
Dabei handelte es sich um Vasio, das heutige Vaison-la-Romaine, und Lucus Augusti, das heutige Luc-en-Diois. Beide Orte besaßen den Status von Hauptzentren der Vocontier. Die Forschung sieht darin eine Besonderheit innerhalb der politischen Organisation der römischen Gallia Narbonensis.
Die Stadt Vasio – Vaison-la-Romaine
Vasio, das heutige Vaison-la-Romaine, lag im südwestlichen Teil des vocontischen Gebietes am Fluss Ouvèze. Bereits vor der römischen Zeit befand sich dort eine bedeutende Siedlung. Während der Kaiserzeit entwickelte sich Vasio zu einer wohlhabenden gallorömischen Stadt.
Archäologische Untersuchungen haben unter anderem ein Theater, öffentliche Gebäude und Wohnhäuser freigelegt. Die Stadt lag an wichtigen Verkehrswegen und konnte dadurch ihre wirtschaftliche Bedeutung ausbauen.
Vasio wurde schließlich zu einem der wichtigsten politischen Zentren der Vocontier. Dass die Bewohner der Stadt später als Vasienses bezeichnet werden konnten, zeigt ebenfalls die herausgehobene Stellung des Ortes.
Lucus Augusti und Dea Augusta
Das zweite von Plinius genannte Zentrum war Lucus Augusti, das heutige Luc-en-Diois im Tal der Drôme. Der Ort lag an einer wichtigen Verkehrsverbindung, die vom Rhônetal über die Alpen nach Italien führte. Tacitus bezeichnet Lucus später als municipium Vocontiorum.
In der weiteren Entwicklung gewann außerdem Dea Augusta Vocontiorum, das heutige Die, an Bedeutung. Besonders interessant ist die Verbindung des Ortes mit der einheimischen Göttin Andarta, deren Verehrung durch mehrere Inschriften belegt ist.
Die Vocontier in der Kaiserzeit
Die besondere politische Stellung der Vocontier blieb auch während der Kaiserzeit erhalten. Nach der Umgestaltung der römischen Provinzverwaltung gehörte ihr Gebiet weiterhin zum südostgallischen Raum, wurde aber im Verlauf der Spätantike administrativ neu gegliedert.
Besonders bemerkenswert ist, dass die Vocontier nicht einfach in einer einzigen großen römischen Stadt aufgingen. Ihre alte Stammesorganisation blieb in veränderter Form bestehen, während gleichzeitig Vasio und Lucus Augusti als wichtige städtische Zentren weiterexistierten.
Im 4. Jahrhundert wurde das Gebiet schließlich in mehrere kleinere civitates aufgeteilt. Dazu gehörten unter anderem die civitas Vasiensium und die civitas Deensium. Damit endete die ältere territoriale Einheit der Vocontier endgültig im Zuge der spätantiken Verwaltungsreformen.
Ein Vocontier als römischer Historiker: Pompeius Trogus
Die Geschichte der Vocontier ist auch deshalb interessant, weil aus ihrem Gebiet ein bedeutender lateinischer Historiker hervorging: Gnaeus Pompeius Trogus.
Trogus lebte zur Zeit des Augustus und verfasste die Historiae Philippicae, eine in 44 Büchern angelegte Universalgeschichte. Das Werk selbst ist heute verloren, wurde aber in großen Teilen durch die spätere Bearbeitung des Justinus überliefert.
Die Familie des Trogus stammte aus dem Gebiet der Vocontier. Sein Großvater soll während des Sertorianischen Krieges unter Pompeius gedient und durch dessen Einfluss das römische Bürgerrecht erhalten haben. Sein Vater stand später in Diensten Caesars.
Forschung und moderne Quellen
John Frederick Drinkwater / A. L. F. Rivet, „Vocontii“, Oxford Classical Dictionary, 2016.
Franck Perrin, „La moyenne vallée du Rhône, entre Alpes et Massif central“, Études celtiques 28 (1991), S. 325–338.