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Appius Claudius Crassus – Der tyrannische Decemvir und sein Sturz
Appius Claudius Crassus war einer der bekanntesten Politiker der frühen römischen Republik. Berühmt und zugleich berüchtigt wurde er als führendes Mitglied der Decemviri legibus scribundis, der Zehnmännerkommission zur Abfassung der Zwölftafelgesetze. Während er zunächst als gerechter Gesetzgeber auftrat, entwickelte er sich nach Livius zum Inbegriff eines tyrannischen Herrschers.
Sein Machtmissbrauch, insbesondere der Versuch, die freie Bürgerstochter Verginia in seinen Besitz zu bringen, löste den Sturz der Decemvirn und die zweite Sezession der Plebejer aus. In der römischen Geschichtsschreibung gilt Appius Claudius daher als warnendes Beispiel dafür, wie gefährlich unkontrollierte Macht sein kann.
Die Familie der Claudier
Appius Claudius gehörte zur angesehenen patrizischen gens Claudia, einer der einflussreichsten Familien der römischen Republik.
Die Claudier stammten nach römischer Überlieferung ursprünglich aus dem sabinischen Ort Regillum. Der Ahnherr der Familie, Attius Clausus, wanderte zu Beginn der Republik nach Rom ein, erhielt das Bürgerrecht und nahm den Namen Appius Claudius Sabinus an.
In den folgenden Jahrhunderten stellte die Familie zahlreiche:
Konsuln,
Zensoren,
Senatoren
und andere hohe Magistrate.
Die Wahl zum Decemvir
Im Jahr 451 v. Chr. wurde Appius Claudius in das erste Kollegium der Decemviri legibus scribundis gewählt.
Diese außerordentliche Magistratur hatte die Aufgabe,
das bisherige Gewohnheitsrecht schriftlich festzuhalten,
ein allgemein gültiges Gesetzbuch zu schaffen,
die Zwölftafelgesetze auszuarbeiten.
Livius schildert Appius zunächst überraschend positiv.
Er erscheint als:
besonnener Richter,
gerechter Beamter,
volksnaher Politiker.
Dadurch gewann er das Vertrauen sowohl der Patrizier als auch der Plebejer.
Der Wandel zum Tyrannen
Nach der erfolgreichen Abfassung der ersten zehn Tafeln wurde im Jahr 450 v. Chr. ein zweites Decemvirnkollegium gewählt.
Auch diesem gehörte Appius Claudius an.
Nun änderte sich sein Verhalten grundlegend.
Livius beschreibt, wie Appius:
seine Macht immer weiter ausdehnte,
keine Neuwahlen zuließ,
das Amt trotz Ablauf der Amtszeit behielt,
Gegner einschüchterte,
bewaffnete Gefolgsleute einsetzte,
und die Republik faktisch in eine Tyrannis verwandelte.
Die Decemvirn regierten nun ohne jede Kontrolle.
Die Volkstribunen waren abgeschafft, ebenso das Berufungsrecht (provocatio ad populum).
Gerade deshalb galt ihre Herrschaft den Römern später als abschreckendes Beispiel für unkontrollierte Macht.
Der Fall der Verginia
Den Höhepunkt von Appius Claudius' Machtmissbrauch bildet die berühmte Geschichte der Verginia.
Verginia war die Tochter des angesehenen Centurio Lucius Verginius und mit dem ehemaligen Volkstribunen Lucius Icilius verlobt.
Appius Claudius verliebte sich in die junge Frau.
Da sie seine Annäherungsversuche zurückwies, ließ er einen seiner Klienten behaupten,
Verginia sei in Wirklichkeit eine Sklavin.
Als Vorsitzender des Gerichts entschied Appius den Prozess bewusst zugunsten seines eigenen Anhängers.
Damit sollte Verginia in dessen Gewalt gelangen und letztlich Appius ausgeliefert werden.
Der Tod der Verginia
Als ihr Vater erkannte, dass seine Tochter ihre Freiheit verlieren würde, bat er darum, sich ein letztes Mal von ihr verabschieden zu dürfen.
Daraufhin zog er ein Messer aus einem Marktstand und tötete Verginia mit den Worten, nur so könne er ihre Freiheit bewahren.
Der Tod der Verginia erschütterte ganz Rom.
Die Soldaten empörten sich.
Das Volk erhob sich gegen die Decemvirn.
Der Sturz der Decemvirn
Die Empörung führte zur zweiten Sezession der Plebejer.
Die Plebejer verließen erneut Rom und zogen, ähnlich wie bei der ersten Sezession, auf den Aventin und anschließend auf den Mons Sacer.
Schließlich mussten die Decemvirn zurücktreten.
Die Republik wurde wiederhergestellt.
Erneut eingeführt wurden:
die Konsuln,
die Volkstribunen,
das Berufungsrecht (provocatio ad populum).
Das Ende des Appius Claudius
Nach dem Sturz wurde Appius Claudius vor Gericht gestellt.
Nach Livius nahm er sich noch vor Abschluss des Prozesses im Gefängnis das Leben.
Andere antike Autoren berichten teilweise abweichend über seinen Tod.
Unabhängig von den Einzelheiten galt sein Schicksal den Römern als gerechte Strafe für seinen Machtmissbrauch.
Historische Bewertung
Ob sich die Ereignisse genau so zugetragen haben, ist in der modernen Forschung umstritten.
Viele Historiker vermuten, dass Livius die Geschichte literarisch ausgestaltet hat.
Der Fall der Verginia erinnert auffallend an andere antike Erzählungen, etwa die Geschichte der Lucretia, deren Tod zum Sturz der Könige geführt haben soll.
Möglicherweise wollte die römische Überlieferung bewusst Parallelen zwischen:
der Tyrannei der Könige,
und der Tyrannei der Decemvirn
ziehen.
Historisch unbestritten bleibt jedoch, dass die Decemvirn tatsächlich die Zwölftafelgesetze schufen und ihre außerordentliche Magistratur schon nach kurzer Zeit wieder abgeschafft wurde.
Appius Claudius bei Livius
Livius schildert die gesamte Geschichte besonders ausführlich im dritten Buch.
Appius Claudius wirkt an der Veröffentlichung der ersten zehn Zwölftafeln mit und erscheint zunächst als gerechter Staatsmann.
Wahl des zweiten Decemvirnkollegiums und Beginn des Machtmissbrauchs.
Der Prozess gegen Verginia und ihr Tod.
Aufstand der Soldaten und zweite Sezession der Plebejer.
Rücktritt der Decemvirn, Wiederherstellung der Republik und Anklage gegen Appius Claudius.