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Die Decemvirn (Decemviri legibus scribundis) – Die Verfasser der Zwölftafelgesetze
Die Decemvirn (decemviri legibus scribundis, „Zehnmännerkollegium zur Abfassung der Gesetze“) waren eine außerordentliche Magistratur der römischen Republik. Sie wurden 451 v. Chr. eingesetzt, um erstmals das römische Gewohnheitsrecht schriftlich festzuhalten und damit Willkür in der Rechtsprechung zu verhindern. Während ihrer Amtszeit ersetzten sie sämtliche ordentlichen Magistrate – insbesondere die Konsuln und Volkstribunen – und verfügten über die höchste staatliche Gewalt. Ihr wichtigstes Werk waren die Zwölftafelgesetze (Lex Duodecim Tabularum), die als Grundlage des römischen Rechts gelten.
Warum wurden die Decemvirn eingesetzt?
Im 5. Jahrhundert v. Chr. herrschten in Rom heftige Spannungen zwischen Patriziern und Plebejern.
Die Plebejer beklagten vor allem, dass:
das Recht nicht schriftlich festgelegt war,
die patrizischen Richter das Gewohnheitsrecht nach Belieben auslegten,
es keinen wirksamen Schutz vor richterlicher Willkür gab.
Die Volkstribunen forderten daher seit Jahren ein allgemein zugängliches Gesetzbuch.
Schließlich beschloss der Senat die Einsetzung einer besonderen Kommission aus zehn Männern, die das bestehende Recht sammeln und schriftlich niederlegen sollte. Nach der römischen Überlieferung wurde zuvor sogar eine Gesandtschaft nach Griechenland entsandt, um die Gesetze des Solon kennenzulernen. Ob diese Reise tatsächlich stattfand, ist in der modernen Forschung allerdings umstritten.
Die eigentlichen Aufgaben der Decemvirn
Die Decemvirn hatten eine klar umrissene Aufgabe:
das bisherige Gewohnheitsrecht sammeln,
es schriftlich festhalten,
gerechte und für alle Bürger verbindliche Gesetze formulieren,
eine einheitliche Rechtsprechung schaffen.
Sie waren also keine dauerhafte Regierung, sondern eine zeitlich begrenzte Gesetzgebungskommission mit außergewöhnlichen Vollmachten.
Die außergewöhnlichen Befugnisse
Während ihrer Amtszeit wurden sämtliche ordentlichen Magistraturen aufgehoben.
Vorübergehend entfielen:
die Konsuln,
die Volkstribunen,
andere reguläre Magistrate.
Die Decemvirn übten stattdessen gemeinsam die höchste Staatsgewalt (imperium) aus. Jeden Tag führte einer von ihnen den Vorsitz und wurde, wie ein Konsul, von zwölf Liktoren begleitet.
Die erste Zehnmännerherrschaft (451 v. Chr.)
Das erste Kollegium bestand ausschließlich aus Patriziern.
Den Vorsitz führte Appius Claudius Crassus.
Die erste Kommission arbeitete erfolgreich und verfasste zehn Gesetzestafeln.
Diese wurden öffentlich auf dem Forum aufgestellt, sodass jeder Bürger das geltende Recht einsehen konnte.
Da einige Rechtsgebiete noch fehlten, beschloss man, im folgenden Jahr ein zweites Kollegium einzusetzen.
Die zweite Zehnmännerherrschaft (450 v. Chr.)
Das zweite Kollegium ergänzte die Gesetzgebung um zwei weitere Tafeln.
Damit entstanden die berühmten Zwölf Tafeln.
Allerdings entwickelte sich die zweite Decemvirnherrschaft zunehmend zu einer Gewaltherrschaft.
Vor allem Appius Claudius missbrauchte seine Macht:
er verweigerte Neuwahlen,
regierte ohne rechtliche Grundlage,
unterdrückte politische Gegner,
missachtete die Rechte der Plebejer.
Der Fall der Verginia
Der Sturz der Decemvirn wurde durch eine der bekanntesten Erzählungen der römischen Geschichte ausgelöst.
Appius Claudius versuchte, die freie Bürgerstochter Verginia durch ein manipuliertes Gerichtsverfahren als Sklavin erklären zu lassen.
Um ihre Freiheit und Ehre zu bewahren, tötete ihr Vater Lucius Verginius seine Tochter öffentlich.
Der Vorfall löste einen Volksaufstand und die zweite Sezession der Plebejer aus.
Schließlich mussten die Decemvirn zurücktreten; die Republik mit Konsuln und Volkstribunen wurde wiederhergestellt.
Die Zwölftafelgesetze
Das wichtigste Ergebnis der Decemvirn waren die Zwölftafelgesetze.
Sie regelten unter anderem:
Gerichtsverfahren,
Familienrecht,
Erbrecht,
Eigentum,
Schuldrecht,
Nachbarschaftsrecht,
Strafrecht,
Bestattungsrecht.
Erstmals waren die Gesetze öffentlich einsehbar und galten grundsätzlich für alle römischen Bürger.
Obwohl viele Bestimmungen später geändert wurden, blieben die Zwölf Tafeln das Fundament des römischen Rechts.
Weitere Decemvirn in Rom
Der Begriff Decemviri bezeichnete nicht nur die Gesetzgeber des 5. Jahrhunderts v. Chr.
Später gab es mehrere Zehnmännerkollegien mit unterschiedlichen Aufgaben, zum Beispiel:
Decemviri sacris faciundis – Aufsicht über die Sibyllinischen Bücher und bestimmte Staatskulte.
Decemviri stlitibus iudicandis – Richterkollegium für bestimmte zivilrechtliche Verfahren.
Decemviri agris dandis adsignandis – Kommissionen zur Verteilung öffentlichen Landes oder zur Gründung von Kolonien.
Wenn in der römischen Geschichte jedoch einfach von den Decemvirn die Rede ist, sind fast immer die Decemviri legibus scribundis gemeint.
Die Decemvirn bei Livius
Livius schildert die Ereignisse um die Decemvirn besonders ausführlich im dritten Buch seines Geschichtswerks.
Beschluss, eine Gesandtschaft nach Griechenland zu schicken, um berühmte Gesetzgebungen – insbesondere die Solons – kennenzulernen.
Einsetzung des ersten Decemvirnkollegiums; Konsuln und Volkstribunen treten zurück.
Abfassung und Veröffentlichung der ersten zehn Gesetzestafeln.
Wahl des zweiten Decemvirnkollegiums unter Appius Claudius.
Der Prozess gegen Verginia und ihr Tod.
Sturz der Decemvirn, zweite Sezession der Plebejer und Wiederherstellung der republikanischen Ordnung.