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Die römische Stadt Aquileia – Die römische Kolonie an der nördlichen Adria
Aquileia war eine der bedeutendsten Städte des römischen Nordostitaliens. Die Stadt wurde 181 v. Chr. als lateinische Kolonie gegründet und sollte zunächst vor allem die nordöstliche Grenze Italiens sichern.
Gleichzeitig entwickelte sich Aquileia aufgrund seiner Lage am nördlichen Ende der Adria zu einem wichtigen Handelsplatz zwischen Italien, dem Adriaraum und den Gebieten jenseits der Alpen. In der Kaiserzeit wurde die Stadt zu einem der bedeutendsten Zentren der Region Venetia et Histria und war schließlich auch ein wichtiges militärisches, politisches und christliches Zentrum.
Lage und strategische Bedeutung
Aquileia lag im heutigen Friaul-Julisch Venetien im Nordosten Italiens, nicht weit vom nördlichen Ende der Adria. Die Stadt befand sich in einer Landschaft, die durch die Nähe zu den Alpen, die Lagunenlandschaft und mehrere Flüsse geprägt war.
Gerade diese Lage machte Aquileia für Rom außerordentlich wertvoll. Von hier aus führten Verkehrswege nach Noricum, nach Istrien, in den illyrischen Raum und weiter in das Donaugebiet. Die Stadt bildete damit eine Verbindung zwischen der italienischen Halbinsel und den Gebieten nördlich und östlich der Alpen.
Strabon beschreibt Aquileia ausdrücklich als eine von den Römern gegründete befestigte Stadt gegen die „Barbaren“ nördlich der Alpen. Gleichzeitig betont er ihre wirtschaftliche Bedeutung: Handelsschiffe konnten über den Fluss Natiso bis in die Nähe der Stadt gelangen, während Waren von dort auf dem Landweg weiter nach Norden transportiert wurden.
Strabon, Geographika 5,1,8.
Vor der römischen Kolonie
Obwohl die eigentliche römische Stadtgründung auf das Jahr 181 v. Chr. datiert wird, war die Region keineswegs unbewohnt.
Archäologische Untersuchungen zeigen eine Besiedlung des Gebietes bereits lange vor der römischen Kolonie. Die Umgebung war Teil einer kulturell vielfältigen Zone, in der unter anderem Veneter, Histrier, Kelten und Bevölkerungsgruppen des Alpenraumes miteinander in Kontakt standen. Auch Handelsverbindungen bestanden bereits vor der römischen Eroberung.
Die spätere römische Stadt entstand deshalb nicht in einem völlig isolierten Raum. Vielmehr nutzten die Römer eine bereits verkehrsgünstige Lage und machten sie zu einem Bestandteil ihres eigenen politischen und wirtschaftlichen Systems.
Die Gründung der Kolonie 181 v. Chr.
Der unmittelbare Anlass für die Gründung Aquileias war die zunehmende römische Expansion in den Nordosten Italiens.
Im Jahr 186 v. Chr. hatten sich Gallier aus dem transalpinen Raum in der Gegend angesiedelt. Rom betrachtete diese Ansiedlung als Bedrohung und zwang die Gallier, das Gebiet wieder zu verlassen. Livius berichtet ausführlich über diese Ereignisse.
Livius, Ab urbe condita 39,22; 39,45; 39,54–55.
Rom entschied sich daraufhin, die Region dauerhaft durch eine eigene Kolonie zu sichern.
Im Jahr 181 v. Chr. wurde Aquileia schließlich als colonia Latina gegründet. Livius berichtet, dass 3.000 Fußsoldaten angesiedelt wurden und dass ihnen Land zugewiesen wurde. Die Siedlung wurde von drei Kommissaren organisiert: Publius Cornelius Scipio Nasica, Gaius Flaminius und Lucius Manlius Acidinus.
Livius, Ab urbe condita 40,34,2.
Die Landzuteilungen waren beträchtlich:
einfache Fußsoldaten erhielten 50 iugera,
Zenturionen 100 iugera,
Reiter 140 iugera.
Livius, Ab urbe condita 40,34,2.
Aquileia als Grenzkolonie
Die militärische Funktion blieb zunächst von zentraler Bedeutung.
Aquileia lag an einer strategisch besonders wichtigen Stelle: Von hier aus konnten die Römer die Verkehrswege in Richtung der Julischen Alpen kontrollieren. Zugleich befand sich die Stadt in unmittelbarer Nähe zu Gebieten, die Rom erst nach und nach stärker in seine Herrschaft einbezog.
Die Gründung stand daher im Zusammenhang mit den römischen Kriegen gegen die Histrier und der Ausweitung der römischen Kontrolle im nordöstlichen Adriaraum.
Aquileia wurde in der Folge zu einem wichtigen Ausgangspunkt weiterer militärischer Unternehmungen. Livius berichtet mehrfach davon, dass römische Heere in Aquileia überwinterten oder von dort aus gegen die Histrier vorgingen.
Livius, Ab urbe condita 41,1–14.
Die zweite Ansiedlung von 169 v. Chr.
Die Bevölkerung der neuen Kolonie wurde schon bald erweitert.
Im Jahr 169 v. Chr. wurden weitere 1.500 Familien nach Aquileia geschickt. Livius bezeichnet diese Maßnahme als supplementum, also als Ergänzung der bestehenden Kolonie.
Livius, Ab urbe condita 43,17,1.
Aquileia und die Verkehrswege
Die Bedeutung Aquileias nahm besonders durch den Ausbau des römischen Straßennetzes zu.
Eine zentrale Rolle spielte die Via Postumia, die 148/147 v. Chr. von Genua über Cremona, Verona und Vicetia bis in den Nordosten führte. Sie verband damit den norditalienischen Raum mit Aquileia. Die Forschung datiert ihren Bau in das Jahr 148 v. Chr. und sieht sie als einen wichtigen Bestandteil des römischen Verkehrsnetzes in Norditalien.
Auch die Via Annia spielte für Aquileia eine wichtige Rolle. Sie verband den Raum an der Adria mit dem norditalienischen Verkehrsnetz und wurde schließlich bis nach Aquileia geführt. Die genaue Rekonstruktion ihres Verlaufs und ihrer Bauphasen ist allerdings in der Forschung umstritten.
Aquileia als Handelszentrum
Mit dem Ausbau der Verkehrswege wandelte sich Aquileia zunehmend von einer Grenzkolonie zu einem bedeutenden Handelszentrum.
Strabon beschreibt die Stadt als emporion, also als Handelsplatz, der insbesondere mit den Völkern jenseits der Alpen und im illyrischen Raum Handel trieb. Von der Adria gelangten unter anderem Wein, Olivenöl und andere mediterrane Waren nach Aquileia. Aus dem Norden kamen dagegen unter anderem Vieh, Häute und Sklaven.
Strabon, Geographika 5,1,8.
Eine besondere Rolle spielte außerdem der Handel mit Bernstein.
Aquileia lag am südlichen Ende eines weitreichenden Handelsnetzes, über das Bernstein aus dem Ostseeraum nach Italien gelangte. Die Stadt wurde dadurch zu einem wichtigen Umschlagplatz für Waren zwischen dem Mittelmeer und dem nördlichen Europa. Strabon erwähnt Aquileia in diesem Zusammenhang auch im Zusammenhang mit dem Handel über die Alpen.
Strabon, Geographika 4,6,10; 5,1,8.
Aquileia und die Gallia Cisalpina
Die Geschichte Aquileias ist eng mit der Entwicklung der Provinz Gallia Cisalpina verbunden.
Bei seiner Gründung lag Aquileia in einem Gebiet, das Rom zwar bereits militärisch kontrollierte, dessen Bevölkerung und politische Ordnung aber noch nicht vollständig in das römische Gemeinwesen integriert waren.
Die Kolonie war damit Teil eines größeren römischen Expansionsprozesses in Norditalien.
Während sich die rechtliche Stellung der Gemeinden der Gallia Cisalpina im 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. veränderte, entwickelte sich auch Aquileia weiter. Die Stadt erhielt schließlich den Status eines municipium und wurde damit rechtlich stärker in das römische Bürgergemeinwesen integriert.
Aquileia in der Zeit Caesars
Auch während der späten Republik blieb Aquileia von großer strategischer Bedeutung.
Die Stadt lag unmittelbar an den Verkehrswegen zwischen Italien, der Cisalpina und dem nordöstlichen Alpenraum. Damit befand sie sich in einem Gebiet, das für die militärische Politik Caesars und seiner Zeitgenossen von großer Bedeutung war.
Während der Bürgerkriege von 49–45 v. Chr. wurde Aquileia weiterhin als wichtiger militärischer Standort genutzt. Seine Lage machte es zu einem natürlichen Sammel- und Versorgungsplatz für Truppen, die in Richtung der Alpen und des Balkanraumes eingesetzt werden konnten.
Aquileia in der Kaiserzeit
Unter Augustus und seinen Nachfolgern erlebte Aquileia einen weiteren Aufstieg.
Die Stadt entwickelte sich zu einem der wichtigsten Zentren der nordöstlichen italienischen Region Venetia et Histria. Sie besaß einen bedeutenden Hafen, ein umfangreiches Straßennetz und eine große Zahl öffentlicher und privater Gebäude.
Die archäologischen Überreste zeigen, dass Aquileia in der Kaiserzeit eine ausgesprochen große Stadt war. Die genaue Einwohnerzahl lässt sich nicht sicher bestimmen; ältere Schätzungen gingen teilweise von etwa 70.000 bis 100.000 Einwohnern aus, doch solche Zahlen sind mit erheblichen Unsicherheiten verbunden.
Besonders eindrucksvoll ist die Ausdehnung der städtischen Bebauung. Aquileia verfügte über:
ein großes Straßennetz,
öffentliche Plätze,
Tempel,
Thermen,
Wohnhäuser und domus,
Lagerhäuser,
Hafenanlagen,
Werkstätten,
monumentale Stadttore und Befestigungen.
Die archäologische Forschung hat dabei gezeigt, dass die Stadt immer wieder umgebaut und erweitert wurde. Die Entwicklung war somit kein einmaliger Ausbau unter Augustus, sondern ein jahrhundertelanger Prozess.
Militärische Bedeutung im 2. und 3. Jahrhundert
Die strategische Bedeutung Aquileias nahm in der Kaiserzeit keineswegs ab.
Im Gegenteil: Mit zunehmender Bedrohung der römischen Grenzen wurde die Stadt zu einem wichtigen militärischen Zentrum Norditaliens.
Im 2. Jahrhundert n. Chr. war Aquileia mehrfach in militärische Konflikte involviert. Während der Markomannenkriege diente die Stadt als wichtiger Ausgangspunkt für militärische Operationen.
Besonders dramatisch war das Jahr 238 n. Chr.: Der Kaiser Maximinus Thrax zog während seines Konflikts mit dem Senat gegen Italien und belagerte Aquileia. Die Stadt verweigerte ihm den Zugang und leistete Widerstand. Herodian beschreibt ausführlich die Belagerung und die Verteidigung Aquileias.
Herodian, Historiae 8,2–5.
Aquileia wurde damit zu einem der entscheidenden Schauplätze des sogenannten Sechskaiserjahres 238 n. Chr.
Die Stadt verteidigte sich erfolgreich gegen Maximinus. Seine Ermordung durch seine eigenen Soldaten während des Feldzuges beendete die Belagerung. Aquileias strategische Bedeutung als Tor nach Norditalien war damit erneut deutlich geworden.
Aquileia in der Spätantike
Auch in der Spätantike blieb Aquileia ein bedeutendes Zentrum.
Seit dem 3. und besonders im 4. Jahrhundert spielte die Stadt eine wichtige Rolle in der Verwaltung und Militärorganisation Norditaliens. Kaiser hielten sich in Aquileia auf, und die Stadt war Schauplatz verschiedener Konflikte zwischen römischen Herrschern.
Auch religiös gewann Aquileia zunehmend an Bedeutung.
Mit der Ausbreitung des Christentums entwickelte sich die Stadt zu einem wichtigen kirchlichen Zentrum. Im 4. Jahrhundert entstanden große christliche Kirchenbauten, deren Mosaikböden noch heute zu den bedeutendsten archäologischen Zeugnissen Aquileias gehören.
Besondere Bedeutung besitzt die Synode von Aquileia von 381 n. Chr. Unter dem Vorsitz des Bischofs Valerianus von Aquileia und in Anwesenheit des Ambrosius von Mailand wandte sich die Synode gegen den Arianismus und stärkte die Position des nicänischen Christentums. Die Stadt war damit nicht nur politisch, sondern auch kirchengeschichtlich ein bedeutender Ort.
Die Zerstörung durch Attila 452 n. Chr.
Das Ende der großen römischen Stadt kam im 5. Jahrhundert.
Im Jahr 452 n. Chr. zog der Hunnenkönig Attila in Italien ein und belagerte Aquileia.
Der Geschichtsschreiber Jordanes berichtet, dass die Stadt lange Widerstand leistete. Schließlich gelang es den Hunnen jedoch, die Stadt einzunehmen.
Jordanes, Getica 42.
Eine berühmte Geschichte über die Eroberung überliefert Prokopios von Caesarea: Attila habe beobachtet, wie ein Storch seine Jungen aus einem Nest auf einem Turm der Stadtmauer forttrug. Er habe dies als Zeichen für den bevorstehenden Untergang der Stadt interpretiert. Kurz darauf sei genau an dieser Stelle ein Teil der Mauer eingestürzt.
Prokopios, De bello Vandalico 1,4,30–35.
Vom römischen Zentrum zum mittelalterlichen Aquileia
Nach der Katastrophe von 452 konnte Aquileia seine frühere wirtschaftliche und politische Bedeutung nicht wiedererlangen.
Die Stadt blieb jedoch als Bischofssitz bestehen und entwickelte sich in der Spätantike und im frühen Mittelalter zu einem bedeutenden kirchlichen Zentrum.
Mit der Langobardeninvasion von 568 n. Chr. veränderte sich die Situation erneut. Der Bischofssitz wurde schließlich in das besser geschützte Grado verlegt. Damit verlor Aquileia endgültig seine herausragende Stellung als politisches und wirtschaftliches Zentrum.
Paulus Diaconus, Historia Langobardorum 2,10.
Wichtige Forschungsliteratur
Ghedini, Francesca / Bueno, Michele / Novello, Marta (Hg.): Moenibus et portu celeberrima. Aquileia: storia di una città, Roma 2009.
Bandelli, Gino: „Aquileia colonia latina dal senatus consultum del 183 a.C. al supplementum del 169 a.C.“, in: Aquileia dalle origini alla costituzione del ducato longobardo. Storia-Amministrazione-Società, Trieste 2003, S. 49–78.
Chiabà, Monica: „Problemi e metodi nello studio dei rapporti tra veteres incolae e coloni nella Venetia orientale. Il caso di Aquileia“, in: Aspetti e problemi della romanizzazione. Venetia, Histria e arco alpino orientale, Antichità Altoadriatiche 68, 2009, S. 221–234.
Chiabà, Monica: „A proposito dei matrimoni fra indigeni e coloni ad Aquileia, comunità di frontiera“, in: HOC QVOQVE LABORIS PRAEMIVM. Scritti in onore di Gino Bandelli, Trieste 2014, S. 83–98.
Horvat, Jana: „Early Roman horrea at Nauportus“, Mélanges de l'École française de Rome – Antiquité 120,1 (2008), S. 111–121.
Wiseman, T. P.: „Viae Anniae“, Papers of the British School at Rome 32 (1964), S. 21–37.
Potter, T. W.: „Aquileia“, Oxford Classical Dictionary, 2015.