Die Rutuler – Italischer Stamm zwischen Mythos und Frühgeschichte
Die Rutuler waren ein italischer Volksstamm im südlichen Latium, dessen Hauptort Ardea war. In der römischen Überlieferung erscheinen sie sowohl in der sagenhaften Frühzeit als auch in den historischen Kämpfen der frühen Republik.
Siedlungsgebiet und historische Rolle
Die Rutuler lebten südlich von Rom in der Küstenregion Latiums. Ihr politisches Zentrum war Ardea, eine bedeutende Stadt der Region.
Bei Titus Livius treten sie mehrfach als Gegner Roms auf, besonders in der Königszeit. Berühmt ist die Episode um die Belagerung Ardeas unter Tarquinius Superbus, die indirekt zum Sturz der römischen Monarchie führte (Lucretia-Episode AUC, 1, 57-58).
In der Frühgeschichte erscheinen die Rutuler als eigenständige Macht, wurden jedoch im Verlauf der römischen Expansion in Latium politisch zurückgedrängt und schließlich in das römische Bündnissystem integriert. So wie alle Völker in Latium.
Die Rutuler in der Aeneis – Turnus als Gegenspieler des Aeneas
Ihre größte literarische Bedeutung verdanken die Rutuler jedoch der Dichtung:
In der Aeneis von Publius Vergilius Maro ist Turnus, der König der Rutuler, der zentrale Gegenspieler des trojanischen Helden Aeneas.
Turnus:
ist mit Lavinia verlobt
sieht sich durch Aeneas um sein Recht gebracht
führt die italischen Stämme gegen die Trojaner
fällt im Zweikampf gegen Aeneas
Literarisch entsteht hier eine Art mythische „Erbfeindschaft“:
Die Rutuler verkörpern den einheimischen Widerstand gegen die trojanische Neugründung, aus der später Rom hervorgehen soll.
Durch den Sieg des Aeneas wird die göttlich bestimmte Zukunft Roms legitimiert. Den Rutulern kommt also eine ähnliche Rolle wie den Volskern mit Camilla oder den Etruskern mit Mezentius in der Aeneis zu, die auch schon damals gegen Aeneas gekämpft und verloren haben. Es wird hier also eine Erbfeindschaft suggeriert, die sich seit der Landung von Aeneas bis hin zur totalen Niederlage und Integration der jeweiligen Völker zieht.
Ist der Sieg Roms über diese Völker also göttlich bestimmt gewesen und diese Völker hatten nie eine Chance gegen die römische Expansion erfolgreich Widerstand zu leisten?
Mythos und politische Deutung
In der Aeneis stehen die Rutuler nicht nur für einen historischen Stamm, sondern für:
die Verteidigung alter Rechte
den Widerstand gegen Fremde
das tragische Scheitern im Angesicht des Schicksals (fatum)
Vergil zeichnet Turnus als tapferen, aber vom Schicksal überholten Gegner. Damit wird die spätere Vorherrschaft Roms als notwendiger, göttlich gefügter Prozess dargestellt.
Bedeutung für die römische Identität
Die Rutuler zeigen exemplarisch, wie römische Geschichtsschreibung und Dichtung miteinander verschmelzen:
Bei Livius erscheinen sie als realer politischer Gegner.
Bei Vergil werden sie zum mythischen Gegenspieler in der Gründungslegende.
So stehen sie an der Schnittstelle zwischen Frühgeschichte, politischer Erinnerung und nationaler Mythologie.