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Der Feldzug des Lucius Cassius gegen die Helvetier
107 v. Chr. erlitt ein römisches Heer unter dem Konsul Lucius Cassius Longinus eine schwere Niederlage gegen die Tiguriner, einen der vier Gaue des helvetischen Stammes. Cassius fiel in der Schlacht, ein großer Teil seines Heeres wurde vernichtet und die überlebenden römischen Soldaten mussten sich den Siegern ergeben und unter das Joch gehen.
Fast fünfzig Jahre später erinnerte Caesar in seinem De bello Gallico mehrfach an diese Niederlage, als er gegen die Helvetier kämpfte. Besonders bemerkenswert ist, dass ausgerechnet die Tiguriner 58 v. Chr. zu den ersten Helvetiern gehörten, die Caesar besiegte.
Die politische Situation im Jahr 107 v. Chr.
Der Feldzug des Lucius Cassius gehört in den größeren Zusammenhang der sogenannten Kimbernkriege. Seit dem späten 2. Jahrhundert v. Chr. bewegten sich verschiedene germanische und keltische Gruppen durch Mittel- und Westeuropa. Zu diesen Gruppen gehörten auch die Tiguriner, ein helvetischer Gau.
Die Tiguriner hatten sich den wandernden Gruppen angeschlossen und waren gemeinsam mit ihnen nach Gallien gelangt. 107 v. Chr. befanden sie sich im Gebiet der Nitiobroger im Südwesten Galliens. Livius bezeichnet die Tiguriner ausdrücklich als einen helvetischen Stamm, der seine Heimat verlassen hatte.
Für Rom war diese Entwicklung besonders gefährlich, weil sich die Wanderbewegungen immer näher an die römische Provinz Gallia Transalpina heranbewegten. Die römische Herrschaft in Südgallien war zu diesem Zeitpunkt noch vergleichsweise jung und musste gegen Angriffe aus dem nördlichen und westlichen Gallien gesichert werden.
Lucius Cassius Longinus
Lucius Cassius Longinus war im Jahr 107 v. Chr. Konsul. Gemeinsam mit seinem Amtskollegen Gaius Marius, der später durch seine Reformen und seine Siege über die Kimbern und Teutonen berühmt werden sollte, bekleidete er das höchste reguläre Amt der römischen Republik.
Cassius erhielt den militärischen Auftrag, gegen die Gruppen vorzugehen, die sich in Gallien bewegten und die römischen Interessen bedrohten. Sein Feldzug führte ihn in den Südwesten Galliens.
Die antiken Quellen sind über den genauen Verlauf des Feldzuges allerdings nicht sehr ausführlich. Caesar erwähnt die Niederlage vor allem rückblickend, während Livius in seiner Periocha nur eine kurze Zusammenfassung bietet. Eine ausführlichere spätere Darstellung findet sich bei Orosius, der allerdings erst im 5. Jahrhundert n. Chr. schrieb und deshalb mit entsprechender Vorsicht herangezogen werden muss.
Die Schlacht bei Agen
Der genaue Ort der Schlacht wird in den Quellen nicht völlig einheitlich überliefert. Die moderne Forschung lokalisiert die Niederlage des Cassius gewöhnlich bei Agen an der Garonne, im Gebiet der Nitiobroger. Das Historische Lexikon der Schweiz bezeichnet die Schlacht ausdrücklich als „Schlacht bei Agen“ und datiert sie auf 107 v. Chr.
Livius berichtet in seiner Periocha:
In agro Nitiobrigum consul L. Cassius cum exercitu a Tigurinis, gente Helvetia quae ex patriis sedibus emigraverat, caesus est.
Sinngemäß: Im Gebiet der Nitiobroger wurde der Konsul Lucius Cassius mit seinem Heer von den Tigurinern, einem aus ihrer Heimat ausgewanderten Stamm der Helvetier, vernichtet.
Livius, Periocha 65,5
Die Niederlage war für Rom besonders schwerwiegend, weil nicht lediglich eine kleinere militärische Einheit geschlagen wurde. Der Konsul selbst fiel, und ein großer Teil seines Heeres wurde getötet.
Der Tod des Lucius Cassius
Cassius wurde während der Niederlage getötet. Auch sein Legat Lucius Calpurnius Piso Caesoninus fiel in derselben Schlacht.
Gerade Piso spielt später für Caesar eine besondere Rolle. Caesar erklärt nämlich, dass Lucius Piso der Großvater von Lucius Calpurnius Piso, Caesars Schwiegervater, gewesen sei.
Deshalb schreibt Caesar nach seinem Sieg über die Tiguriner im Jahr 58 v. Chr.:
Caesar non solum publicas, sed etiam privatas iniurias ultus est.
Caesar habe also nicht nur öffentliche, sondern auch private Unrechtserfahrungen gerächt.
Caesar, De bello Gallico 1,12,7–8
Damit verbindet Caesar die Geschichte des römischen Staates mit seiner eigenen Familiengeschichte. Der Sieg über die Tiguriner erscheint dadurch nicht nur als militärischer Erfolg, sondern zugleich als persönliche Genugtuung.
Die römische Niederlage
Die Niederlage war für die Römer besonders demütigend. Nachdem Cassius gefallen war, zog sich der Rest des römischen Heeres in ein befestigtes Lager zurück.
Die Überlebenden mussten schließlich mit den Tigurinern einen Vertrag akzeptieren. Geiseln wurden gestellt und die Römer mussten einen Teil ihrer Besitzungen abgeben, bevor sie freigelassen wurden.
Livius berichtet knapp, dass die Überlebenden nach der Niederlage Geiseln stellen und die Hälfte ihres Besitzes abgeben mussten, bevor sie freigelassen wurden.
Die ausführlichere Darstellung des Orosius berichtet ebenfalls von Geiseln und der Abgabe der Hälfte des Besitzes. Außerdem nennt er Gaius Publius als einen weiteren römischen Offizier, der den Tigurinern ausgeliefert worden sei.
Die Erinnerung an Cassius bei Caesar
Als Caesar 58 v. Chr. den Helvetiern gegenüberstand, erinnerte er sich ausdrücklich an die Niederlage des Cassius.
Als die Helvetier durch die römische Provinz ziehen wollten, schreibt Caesar:
quod memoria tenebat L. Cassium consulem occisum exercitumque eius ab Helvetiis pulsum et sub iugum missum.
„Weil er sich daran erinnerte, dass der Konsul Lucius Cassius getötet und sein Heer von den Helvetiern geschlagen und unter das Joch geschickt worden war.“
Caesar, De bello Gallico 1,7,4
Diese Erinnerung beeinflusste unmittelbar Caesars Entscheidung, den Helvetiern den Durchzug durch die Gallia Transalpina zu verweigern.
Caesar hatte also nicht vergessen, dass die Helvetier schon einmal ein römisches Heer besiegt hatten.
Divico erscheint
Die Geschichte wird noch bemerkenswerter, als die Helvetier nach Caesars Befestigungsmaßnahmen Gesandte zu ihm schicken.
An der Spitze der Gesandtschaft steht Divico.
Caesar stellt ihn ausdrücklich als denselben Mann dar, der bereits im Krieg gegen Cassius die Helvetier geführt hatte:
cuius legationis Divico princeps erat, qui bello Cassiano dux Helvetiorum fuerat.
Caesar, De bello Gallico 1,13,2
Die Erinnerung an die alte Niederlage
Divico soll Caesar bei den Verhandlungen daran erinnert haben, dass die Helvetier bereits früher erfolgreich gegen römische Truppen gekämpft hatten.
Caesar gibt seine Worte sinngemäß so wieder, dass die Helvetier zwar wüssten, wie die Römer unter Cassius besiegt worden seien, zugleich aber bereit seien, mit Caesar zu verhandeln, sofern dieser ihnen einen freien Durchzug gestatte.
Caesar, De bello Gallico 1,13,2–4
Caesar weist diese Argumentation zurück. Er erklärt, dass er sich an die alte Schmach (vetus contumelia) erinnere und dass die jüngsten Angriffe der Helvetier auf die römischen Verbündeten zusätzlich berücksichtigt werden müssten.
Caesar, De bello Gallico 1,14,3
Damit erhält der Feldzug gegen die Helvetier bei Caesar eine historische Dimension: Der Krieg von 58 v. Chr. ist in seiner Darstellung auch eine Antwort auf eine fast fünfzig Jahre zurückliegende Niederlage.
Die Tiguriner als erste Opfer Caesars
Besonders wirkungsvoll ist deshalb Caesars Darstellung seines Sieges über die Tiguriner an der Saône.
Als die Helvetier 58 v. Chr. den Fluss Arar, die heutige Saône, überqueren, bleibt ein Teil des Heeres zurück. Caesar greift diese Abteilung überraschend an.
Er stellt fest, dass es sich um die Tiguriner handelt, genau jenen Gau, der Cassius besiegt hatte.