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Die sabinische Stadt Regillum – Die Heimat der Claudier
Regillum war nach der römischen Überlieferung eine sabinische Stadt, deren genaue Lage heute nicht mehr sicher bestimmt werden kann. Bekannt wurde Regillum vor allem deshalb, weil hier Attius Clausus, der spätere Appius Claudius Sabinus, gelebt haben soll.
Nach der Überlieferung verließ Clausus zu Beginn der römischen Republik seine Heimat und zog mit seinen Verwandten, Freunden und Klienten nach Rom. Dort wurde er in das römische Patriziat aufgenommen und begründete die mächtige gens Claudia.
Livius 2,16,4–5; Dionysios von Halikarnassos 5,40,3–5
Regillum besitzt deshalb für die römische Geschichte eine Bedeutung, die weit über die eigentliche Größe oder politische Bedeutung der Stadt hinausgeht: Die Stadt wurde in der römischen Erinnerung zur Herkunftsstadt eines der bedeutendsten römischen Patriziergeschlechter.
Wo lag Regillum?
Die genaue Lage von Regillum ist heute unbekannt.
Die antiken Quellen nennen Regillum als eine Stadt im Gebiet der Sabiner. Eine eindeutige archäologische Identifizierung ist jedoch bislang nicht möglich. Auch die antiken Geographen liefern keine ausreichenden Angaben, um die Stadt sicher auf der modernen Landkarte zu lokalisieren.
Die Unsicherheit ist bemerkenswert, weil Regillum in der römischen Überlieferung mehrfach erwähnt wird, aber offenbar keine dauerhaft bedeutende Stadt blieb.
Dionysios von Halikarnassos 5,40,3: Dionysios bezeichnet Regillum ausdrücklich als eine Stadt der Sabiner, in der Titus Claudius lebte.
Attius Clausus aus Regillum
Die größte Bedeutung erhielt Regillum durch Attius Clausus.
Livius erzählt, dass es unter den Sabinern zu einem politischen Streit über den Umgang mit Rom gekommen sei. Während ein Teil der Sabiner einen Krieg gegen Rom befürwortete, trat Attius Clausus für den Frieden ein.
Als seine politische Position zunehmend unhaltbar wurde, verließ er Regillum.
Dionysios erzählt die Geschichte ähnlich, nennt den Mann allerdings Titus Claudius. Auch bei ihm ist Claudius ein wohlhabender und einflussreicher Sabiner aus Regillum, der sich gegen den Krieg mit Rom stellte.
Dionysios von Halikarnassos 5,40,3–5
Die Übersiedlung nach Rom
Nach der Überlieferung kam Clausus nicht allein nach Rom.
Livius berichtet, dass er von einer großen Zahl von Klienten begleitet wurde. Die römische Tradition spricht von ungefähr 5.000 Menschen, wobei diese Zahl bei Livius als Gefolgschaft und Familienverband zu verstehen ist und nicht einfach mit 5.000 Soldaten gleichgesetzt werden sollte.
Dionysios nennt ebenfalls eine Gesamtzahl von mindestens 5.000 Personen und präzisiert, dass darunter zahlreiche waffenfähige Männer waren.
Dionysios von Halikarnassos 5,40,3
Die Überlieferung zeichnet damit das Bild einer außergewöhnlich großen und geschlossenen Gefolgschaft, die gemeinsam mit ihrem Patron nach Rom übersiedelte.
Aufnahme in das römische Patriziat
Die Aufnahme des Clausus in Rom war außergewöhnlich.
Nach Livius erhielten Clausus und seine Gefolgschaft das römische Bürgerrecht und Land nördlich des Anio.
Außerdem wurde Clausus in den Kreis der Patrizier aufgenommen und in den Senat berufen.
Damit wurde aus dem sabinischen Einwanderer innerhalb kurzer Zeit ein Angehöriger der römischen Führungsschicht.
Aus Attius Clausus wird Appius Claudius
In Rom nahm Clausus nach der Überlieferung den Namen Appius Claudius an.
Aus seinem Namen entwickelte sich schließlich der Name der gens Claudia.
Die Familie sollte in den folgenden Jahrhunderten zu einem der einflussreichsten Patriziergeschlechter Roms werden.
Zu den berühmten Claudiern gehörten später unter anderem:
Appius Claudius Sabinus Regillensis
Appius Claudius Crassus, der Decemvir
Appius Claudius Caecus
Tiberius Claudius Nero
Claudius Pulcher
Nero Claudius Drusus
und schließlich der Kaiser Claudius.
Regillum wurde dadurch in der römischen Erinnerung zur Stadt der Herkunft der Claudier.
Die Claudia-Tribus
Mit der Ansiedlung der Gefolgschaft des Clausus verband die römische Überlieferung auch die Entstehung der Claudia-Tribus.
Livius berichtet, dass das Land, das den Einwanderern zugewiesen wurde, später zur Grundlage der tribus Claudia wurde.
Die tribus Claudia erhielt demnach ihren Namen von diesem Gebiet.
Dionysios berichtet ebenfalls, dass aus den nach Rom eingewanderten Sabinern schließlich eine Claudia genannte Tribus entstand.
Dionysios von Halikarnassos 5,40,5
Damit wurde die Geschichte von Regillum unmittelbar mit der Entstehung einer politischen Einheit des römischen Gemeinwesens verbunden.
Regillum als „Heimat“ der Claudier
Besonders interessant ist, dass Regillum auch für spätere Angehörige der Familie als alte Heimat der Claudier erinnert wurde.
Livius berichtet beispielsweise, dass Gaius Claudius, der Onkel des Decemvirn Appius Claudius Crassus, sich nach Regillum zurückzog.
Das ist eine wichtige Stelle, weil sie zeigt, dass Regillum nicht nur als irgendein Ort in der Familiengeschichte betrachtet wurde. Die römische Überlieferung bewahrte den Ort als Ursprungsort der Claudier.
Das Cognomen Regillensis
Die Verbindung mit Regillum spiegelt sich auch in dem Cognomen Regillensis bzw. Inregillensis wider.
Mehrere frühe Claudier tragen dieses Cognomen. Es bezeichnet sie als Personen, die mit Regillum verbunden sind.
So trägt beispielsweise der berühmte Appius Claudius Sabinus Regillensis diesen Beinamen.
Auch Appius Claudius Crassus Inregillensis, der Decemvir, wird mit dieser Herkunft verbunden.
Die Namensform macht damit sichtbar, wie stark die Erinnerung an die sabinische Herkunft innerhalb der Familie fortbestand.
Regillum und die Identität der Claudier
Die Geschichte von Regillum erfüllte für die römische Erinnerung eine wichtige Funktion.
Die Claudier waren eines der ältesten und mächtigsten Patriziergeschlechter Roms. Gleichzeitig waren sie nach der eigenen Herkunftserzählung keine ursprünglich römische Familie, sondern stammten aus dem sabinischen Raum.
Die Geschichte des Attius Clausus erklärte somit, wie ein fremder, aber mächtiger Mann in die römische Führungsschicht aufgenommen werden konnte.
Dabei wird die Aufnahme nicht als Unterwerfung dargestellt. Clausus kommt vielmehr mit einer großen Gefolgschaft nach Rom und wird dort mit außergewöhnlichen Ehren aufgenommen.
Das passte gut zum römischen Selbstbild, nach dem Rom seine Bevölkerung immer wieder durch die Aufnahme fremder Gruppen vergrößert und verstärkt habe.
Regillum und der Lacus Regillus
Regillum darf übrigens nicht einfach mit dem Lacus Regillus, dem berühmten See von Regillus, gleichgesetzt werden.
Der Lacus Regillus war der Schauplatz der berühmten Schlacht zwischen Römern und Latinern, die traditionell in die Frühzeit der Republik datiert wird.
Der Name klingt zwar ähnlich und hat wahrscheinlich einen Zusammenhang, doch die Lage der Stadt Regillum ist nicht sicher identifiziert.