Die römischen Proskriptionen – Terrorinstrument der späten Republik
Die Proskriptionen (lat. proscriptiones, „öffentliche Ausschreibungen“) waren eine besonders brutale politische Maßnahme in der späten römischen Republik. Dabei ließ ein Machthaber Listen mit Namen politischer Gegner veröffentlichen, die damit vogelfrei erklärt wurden. Jeder durfte sie töten und erhielt dafür sogar eine Belohnung. Gleichzeitig wurde ihr Vermögen eingezogen.
Diese Praxis wurde besonders bekannt durch zwei große Wellen politischer Gewalt:
die Proskriptionen des Lucius Cornelius Sulla (82–81 v. Chr.)
die Proskriptionen des Zweiten Triumvirats unter Octavian, Marcus Antonius und Marcus Aemilius Lepidus (43 v. Chr.)
Sie gehören zu den grausamsten Episoden der römischen Innenpolitik und zeigen, wie sehr die Republik im 1. Jh. v. Chr. in politische Gewalt abglitt.
1. Was bedeutete „Proskription“ genau?
Der Begriff kommt vom lateinischen Verb proscribere („öffentlich anschreiben, ausschreiben“).
In der Praxis lief das folgendermaßen ab:
Veröffentlichung der Namenslisten
Auf öffentlichen Tafeln – meist auf dem Forum – wurden die Namen der verurteilten Personen angeschlagen.
Rechtliche Ächtung
Die Betroffenen galten als Feinde des Staates (hostes).
sie verloren alle Bürgerrechte
ihr Leben war nicht mehr geschützt
Freie Tötung mit Belohnung
Wer einen Proskribierten tötete, bekam eine Prämie.
Vermögenseinziehung
Das Eigentum der Opfer wurde vom Staat eingezogen und versteigert.
Folgen für die Familie
Söhne verloren politische Rechte
Erbe und Besitz wurden beschlagnahmt. Von einem Tag auf den Anderen konnte komplett mittellos sein und dazu auch noch verfolgt von Leuten, die auf die Prämie aus waren.
Dadurch verbanden die Proskriptionen politische Säuberung mit finanzieller Bereicherung.
2. Die Proskriptionen Sullas (82–81 v. Chr.)
Lucius Cornelius Sulla führte die Proskriptionen nach seinem Sieg im Bürgerkrieg gegen die Anhänger des Gaius Marius ein.
Hintergrund
Der Konflikt zwischen Optimaten (Senatsaristokratie) und Popularen hatte Rom in einen Bürgerkrieg gestürzt. Nachdem Sulla 82 v. Chr. Rom erobert hatte, ließ er sich zum Diktator ernennen.
Um seine Macht zu sichern, begann er eine systematische Säuberung der politischen Gegner.
Ablauf
Sulla veröffentlichte zunächst eine Liste mit etwa 80 Namen. Danach folgten weitere Listen.
Am Ende standen vermutlich
etwa 500 Senatoren
etwa 1600 Ritter
auf den Proskriptionslisten.
Viele wurden sofort getötet, andere flohen.
Belohnungen
2 Talente (Sehr viel Geld!) Belohnung für den Kopf eines Proskribierten
auch Sklaven konnten ihre Herren verraten
Die Köpfe der Getöteten wurden häufig auf dem Forum ausgestellt, eine Demonstration der Macht.
Enorme Bereicherung
Das Vermögen der Opfer wurde verkauft, oft zu Spottpreisen.
Viele Anhänger Sullas wurden dadurch reich. Ein berühmtes Beispiel ist:
Marcus Licinius Crassus
Er soll durch den Kauf beschlagnahmter Häuser und Grundstücke sein riesiges Vermögen aufgebaut haben.
Ende der Proskriptionen
Sulla erklärte schließlich öffentlich, dass niemand mehr hinzugefügt werde.
Doch viele Familien waren bereits zerstört. Die Proskriptionen hinterließen tiefe Traumata in der römischen Gesellschaft. Auch Cäsars Familie kam auf diese Liste und wurde politisch verfolgt, da Cäsars Tante Iulia mit Gaius Marius verheiratet gewesen war.
3. Die Proskriptionen des Zweiten Triumvirats (43 v. Chr.)
Noch brutaler waren die Proskriptionen nach der Ermordung von Gaius Julius Caesar im Jahr 44 v. Chr.
Die Macht übernahmen drei Männer:
Octavian
Marcus Antonius
Marcus Aemilius Lepidus
Dieses Bündnis nennt man das Zweite Triumvirat. (Erstes Triumvirat 60 v. Chr.)
Ziel der Proskriptionen
Die Triumvirn wollten:
politische Gegner ausschalten
Geld für ihre Armeen beschaffen
die Caesarmörder bestrafen.
Umfang
Die Listen waren noch größer als bei Sulla:
etwa 300 Senatoren
etwa 2000 Ritter
wurden proskribiert.
Das berühmteste Opfer
Das bekannteste Opfer war der große Redner und Politiker:
Marcus Tullius Cicero
Er hatte sich in seinen Philippischen Reden heftig gegen Antonius ausgesprochen.
43 v. Chr. wurde er auf der Flucht gefasst und getötet.
Sein Kopf und seine Hände wurden auf dem Forum Romanum ausgestellt, ein besonders symbolischer Akt, weil seine Redekunst so berühmt war.
Politischer Zynismus
Die Triumvirn opferten sogar eigene Freunde und Verwandte, um Kompromisse zu schließen.
Berühmt ist die Aussage bei antiken Autoren:
Antonius opferte Cicero
Octavian einige seiner Unterstützer
Lepidus ebenfalls Bekannte.
4. Folgen für Rom
Die Proskriptionen hatten tiefgreifende Konsequenzen:
Politisch
große Teile der alten Aristokratie wurden ausgelöscht
Macht konzentrierte sich auf wenige Sieger.
Sozial
viele Familien verloren Vermögen und Status
Angst und Misstrauen prägten die Gesellschaft.
Historisch
Sie zeigten endgültig, dass die republikanischen Institutionen nicht mehr funktionierten.
Der Weg führte schließlich zum Prinzipat des Augustus.
5. Bewertung in der Antike
Schon antike Autoren sahen die Proskriptionen äußerst kritisch.
Der Historiker Appian und andere berichten von:
Denunziationen
Kopfgeldjägern
versteckten Flüchtlingen
Verrat innerhalb von Familien.
Viele Zeitgenossen betrachteten die Proskriptionen als Tiefpunkt der römischen politischen Kultur.