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Das Heiligtum der Ceres, des Liber und der Libera in Rom
Das Heiligtum der Ceres, Liber und Libera (aedes Cereris, Liberi Liberaeque) gehörte zu den bedeutendsten Heiligtümern des republikanischen Rom. Es lag am Aventin in der Nähe des Circus Maximus und war besonders eng mit der plebejischen Bevölkerung verbunden.
Neben seiner religiösen Funktion spielte es auch eine wichtige politische und administrative Rolle: Die plebejischen Ädilen standen in enger Verbindung mit dem Heiligtum, und nach Livius wurden dort die Beschlüsse des Senats aufbewahrt.
Das Heiligtum war Ceres, Liber und Libera gemeinsam geweiht. Die drei Gottheiten wurden in der späteren römischen Überlieferung mit Demeter, Dionysos und Kore/Persephone in Verbindung gebracht. Die Verbindung mit Getreide, Fruchtbarkeit und Versorgung der Bevölkerung machte das Heiligtum besonders für die Plebs bedeutsam.
Die Entstehung des Heiligtums
Nach der römischen Überlieferung entstand das Heiligtum zu Beginn der Republik.
Im Jahr 496 v. Chr. herrschte in Rom eine schwere Hungersnot. Der Diktator Aulus Postumius Albus Regillensis soll daraufhin nach Befragung der Sibyllinischen Bücher gelobt haben, der Ceres, Liber und Libera einen Tempel zu errichten.
Die Weihung erfolgte traditionell im Jahr 493 v. Chr. unter dem Konsul Spurius Cassius Vecellinus.
Dionysios von Halikarnassos 6,17,2: Dionysios berichtet von der Entstehung des Heiligtums und der Verbindung der römischen Gottheiten mit den griechischen Gottheiten Demeter, Dionysos und Kore.
Bei der Datierung sollte man allerdings vorsichtig sein: Die Jahreszahl 493 v. Chr. gehört zur traditionellen Überlieferung.
Die drei Gottheiten
Ceres
Ceres war die römische Göttin des Getreides und der Landwirtschaft.
Ihr Name ist eng mit dem lateinischen crescere („wachsen“) verbunden und verweist auf ihre Funktion als Göttin des Wachstums und der Fruchtbarkeit.
Besonders wichtig war ihre Verbindung mit der Versorgung der Bevölkerung mit Getreide. Damit besaß sie eine unmittelbare Bedeutung für das tägliche Leben der Römer.
Cicero betont die besondere Verehrung der Ceres in Sizilien und stellt die Göttin in einen engen Zusammenhang mit dem Getreideanbau.
Cicero, In Verrem II,4,106–109: Cicero beschreibt die besondere Verehrung der Ceres und Libera in Sizilien und die Verbindung der Göttinnen mit der Insel.
Liber
Liber Pater war ein italischer Gott, der unter anderem mit Wein, Fruchtbarkeit und Fortpflanzung verbunden war.
In der späteren römischen Vorstellung wurde Liber zunehmend mit dem griechischen Dionysos bzw. Bacchus gleichgesetzt.
Der Kult des Liber besaß jedoch ursprünglich eine eigenständige italische Tradition und sollte nicht einfach mit dem griechischen Dionysoskult gleichgesetzt werden.
Libera
Libera war die weibliche Gottheit des Heiligtums.
Sie wurde in der späteren römischen Tradition mit Proserpina, der römischen Entsprechung der griechischen Persephone, identifiziert.
Dadurch entstand eine enge Verbindung zwischen Ceres und Libera, die der Beziehung zwischen Demeter und Persephone entsprach.
Gerade Cicero verwendet diese Gleichsetzung in seinen Verrinen.
Cicero, In Verrem II,4,106: Cicero bezeichnet Libera ausdrücklich als diejenige Göttin, die auch Proserpina genannt wird.
Das Heiligtum und die Plebs
Die besondere Bedeutung des Heiligtums für die Plebs ist einer der wichtigsten Aspekte seiner Geschichte.
Das Heiligtum lag am Aventin, einem Hügel, der in der republikanischen Tradition eng mit der plebejischen Bevölkerung verbunden war.
Nach der Überlieferung wurde das Heiligtum deshalb zu einem wichtigen religiösen und politischen Mittelpunkt der Plebs.
Besonders bedeutend war die Verbindung zu den plebejischen Ädilen (aediles plebis).
Livius 3,55,13: Nach den Ereignissen des Jahres 449 v. Chr. wurde bestimmt, dass die Beschlüsse des Senats (senatus consulta) in den Tempel der Ceres zu den plebejischen Ädilen gebracht werden sollten.
Livius begründet dies damit, dass die Konsuln diese Beschlüsse zuvor nach eigenem Ermessen unterdrücken oder verfälschen konnten.
Damit erhielt das Heiligtum eine wichtige administrative und politische Funktion.
Die Ädilen und der Kult
Die plebejischen Ädilen waren eng mit dem Heiligtum verbunden.
Zu ihren Aufgaben gehörten unter anderem die Überwachung von Märkten und der Lebensmittelversorgung sowie die Organisation bestimmter öffentlicher Spiele.
Die Verbindung zwischen dem Amt und dem Heiligtum lässt sich daher auch funktional erklären: Ceres war die Göttin des Getreides und der Versorgung, während die plebejischen Ädilen gerade für Bereiche zuständig waren, die für die städtische Bevölkerung von großer Bedeutung waren.
Das Heiligtum wurde dadurch zu einem natürlichen Mittelpunkt der plebejischen Verwaltung.
Die Forschung betont allerdings, dass man daraus nicht ohne Weiteres eine Art „plebejisches Gegenministerium“ oder einen vollständig eigenständigen plebejischen Staat ableiten sollte. Eine solche Vorstellung geht über das hinaus, was die Quellen tatsächlich belegen.
Die Beschlüsse des Senats und die politische Bedeutung
Die Aufbewahrung der senatus consulta im Tempel hatte auch eine wichtige politische Funktion.
Die Plebs erhielt dadurch Zugang zu Informationen, die zuvor stärker unter der Kontrolle der patrizischen Magistrate standen.
Livius verbindet diese Maßnahme ausdrücklich mit den Reformen nach dem Sturz der Decemvirn.
Livius 3,55,1–15: Livius schildert die sogenannten leges Valeriae Horatiae und die Neuordnung des Verhältnisses zwischen Patriziern und Plebejern. In diesem Zusammenhang steht auch die Übergabe der Senatsbeschlüsse an die plebejischen Ädilen.
Das Heiligtum wurde damit zu einem sichtbaren Symbol der zunehmenden politischen Anerkennung der Plebs.
Das Heiligtum und die Lebensmittelversorgung
Die Verbindung zwischen Ceres und der Getreideversorgung machte den Tempel auch zu einem Ort, an dem die Versorgung der ärmeren Bevölkerung symbolisch und teilweise auch praktisch eine Rolle spielte.
Für ein asylum Cereris, also einen Schutz- bzw. Zufluchtsort der Ceres, gibt es eine antike Überlieferung bei Varro. Dort wird auch eine Verbindung zur Versorgung Bedürftiger mit Brot hergestellt.
Varro bei Nonius Marcellus, De compendiosa doctrina 63,1–4 Lindsay
Der griechische Einfluss
Das Heiligtum besitzt eine besondere Stellung in der Geschichte der römischen Religion, weil hier italische und griechische religiöse Vorstellungen miteinander verbunden wurden.
Die römischen Gottheiten Ceres, Liber und Libera wurden mit:
Demeter
Dionysos
Kore/Persephone
in Verbindung gebracht.
Dionysios von Halikarnassos 6,17,2: Er berichtet ausdrücklich von dieser Identifikation.
Die Architektur des Tempels
Über das ursprüngliche Aussehen des Heiligtums wissen wir relativ viel aus den literarischen Quellen, obwohl die archäologischen Überreste nicht eindeutig identifiziert werden konnten.
Vitruv beschreibt den Tempel als Beispiel für den toskanischen Tempeltyp.
Vitruv, De architectura 3,3,5
Der Tempel soll außerdem mit bedeutenden Kunstwerken ausgestattet gewesen sein.
Plinius der Ältere berichtet, dass das Kultbild der Ceres als das erste bronzene Götterbild Roms gegolten habe.
Plinius, Naturalis Historia 34,15
Auch die Kunstwerke im Tempel genossen in der Antike einen besonderen Ruf.
Plinius, Naturalis Historia 35,154–155
Lage am Circus Maximus
Das Heiligtum befand sich in der Nähe des Circus Maximus, am beziehungsweise am Fuß des Aventin.
Die genaue Lage ist heute allerdings nicht mehr mit letzter Sicherheit bestimmbar.
Mehrere antike Autoren bestätigen die Nähe zum Circus Maximus:
Vitruv, De architectura 3,3,5
Plinius, Naturalis Historia 35,154
Tacitus, Annales 2,49
Tacitus nennt das Heiligtum ausdrücklich als den Tempel „des Liber, der Libera und der Ceres“ in der Nähe des Circus Maximus.
Die Forschung lokalisiert es deshalb gewöhnlich am nördlichen Abhang des Aventin beziehungsweise in unmittelbarer Nähe des westlichen Endes des Circus Maximus. Eine endgültige archäologische Identifizierung steht jedoch aus.
Der Brand von 31 v. Chr.
Das Heiligtum überdauerte die Republik, wurde jedoch im Jahr 31 v. Chr. durch einen Brand zerstört.
Vitruv beschreibt den Tempel noch vor seiner Zerstörung als besonders altes und charakteristisches Beispiel des toskanischen Baustils.
Vitruv, De architectura 3,3,5
Nach dem Brand wurde das Heiligtum wieder aufgebaut.
Damit zeigt sich auch, dass seine Bedeutung über die republikanische Zeit hinausreichte.