Die Haruspices - Bedeutung und Ursprung
Die Haruspices waren etruskische und später auch römische Priester, die durch die Deutung göttlicher Zeichen den Willen der Götter ermittelten. Besonders bekannt sind sie für die Eingeweideschau, bei der vor allem die Leber von Opfertieren untersucht wurde. Der Name haruspex wird meist von haru (etruskisch für „Eingeweide“) und specere („schauen, betrachten“) hergeleitet.
Etruskische Herkunft
Der Ursprung der Haruspices liegt eindeutig in der etruskischen Religion. Die Etrusker galten den Römern als Meister der Weissagung und der rituellen Deutung von Zeichen. Rom übernahm ihre Lehren, vor allem die disciplina Etrusca, ein umfassendes System religiöser Vorschriften zur Interpretation göttlicher Botschaften.
Die Kunst der Eingeweideschau
Bei einem Opfer wurde die Leber des Tieres sorgfältig untersucht, da sie als Sitz des Lebens und als Abbild des Kosmos galt. Bestimmte Merkmale, Verfärbungen oder Unregelmäßigkeiten wurden als Zeichen göttlicher Zustimmung oder Warnung interpretiert. Die Haruspices nutzten dafür spezielle Modelle und Lehrtafeln, auf denen die Leber symbolisch in Bereiche unterteilt war.
Aufgaben im römischen Staat
In Rom wurden die Haruspices bei ungewöhnlichen Ereignissen herangezogen, etwa bei Naturkatastrophen, Unheilzeichen oder religiösen Störungen. Sie erklärten die Bedeutung solcher Vorzeichen und gaben Anweisungen, welche Opfer oder Rituale zur Wiederherstellung der göttlichen Ordnung notwendig seien.
Stellung im römischen Kult
Obwohl die Haruspices ursprünglich nicht römisch waren, erhielten sie eine feste Stellung im Staatskult. Der Senat konnte sie offiziell berufen, ihre Deutungen galten als autoritativ. Sie standen jedoch neben den einheimischen römischen Priesterkollegien wie den Auguren und Pontifices.
Haruspices bei Livius
Bei Titus Livius treten die Haruspices häufig auf, wenn außergewöhnliche Ereignisse als göttliche Zeichen gedeutet werden müssen. Ihre Erwähnung unterstreicht, wie ernst die Römer religiöse Vorzeichen nahmen und wie stark die etruskische Tradition in die römische Religion eingebunden war (vgl. AUC, 1, 31).
Bedeutung für das römische Weltbild
Die Haruspices verkörpern die Vorstellung, dass die Götter ihren Willen durch sichtbare Zeichen in der Welt offenbaren. Ihre Tätigkeit zeigt, wie eng in Rom Religion, Politik und Naturbeobachtung miteinander verbunden waren.