Quintus Fabius Pictor – der erste römische Historiker
Quintus Fabius Pictor gilt als der erste römische Geschichtsschreiber überhaupt und steht damit am Anfang der gesamten römischen Historiographie. Er lebte im späten 3. Jahrhundert v. Chr. (zur Zeit des Zweiten Punischen Krieges) und war selbst Mitglied der römischen Oberschicht.
Sein Beiname Pictor („der Maler“) stammt ursprünglich von einem Vorfahren, der den Tempel der Salus ausgemalt haben soll.
Leben und politischer Hintergrund
Quintus Fabius Pictor stammte aus der altehrwürdigen gens Fabia, einer der einflussreichsten Familien der römischen Republik. Er lebte im späten 3. Jahrhundert v. Chr. und war damit Zeitgenosse und Augenzeuge des Zweiten Punischen Krieges (218–201 v. Chr.).
Fabius war nicht nur Gelehrter, sondern aktiver Politiker und Staatsmann:
Er nahm selbst am Krieg gegen Hannibal teil.
Nach der katastrophalen Niederlage der Römer am Trasimenischen See (217 v. Chr.) wurde er vom Senat als Gesandter nach Delphi geschickt.
Dort sollte er das Orakel des Apollon befragen, wie Rom die Götter besänftigen könne, ein Zeichen dafür, wie hoch sein politisches Ansehen war.
Er bewegte sich also im innersten Machtkreis Roms und erlebte die dramatischste Phase der Republik nicht als Außenstehender, sondern als Beteiligter.
Seine Werke
Annales (auch: Historiae)
Fabius Pictor verfasste ein umfangreiches Geschichtswerk, meist einfach Annales genannt.
Besonderheiten:
geschrieben auf Griechisch, nicht auf Latein
behandelte die Geschichte Roms von Aeneas und Romulus bis in seine Gegenwart
Schwerpunkt auf dem Zweiten Punischen Krieg
Das Werk ist vollständig verloren, wir kennen es nur durch Zitate bei späteren Autoren wie:
Polybios
Livius
Dionysios von Halikarnassos
Warum schrieb er auf Griechisch?
Das ist einer der wichtigsten Punkte: Fabius schrieb für die griechische Welt, nicht primär für Römer.
Sein Ziel war:
Roms Sicht auf die Geschichte darzustellen
besonders im Kontext des Hannibal-Krieges
Rom als legitime, kultivierte Großmacht zu präsentieren
Dies ist vor allem relevant, da die römische Welt auch geographisch immer näher an die griechische heranrückte. Nachdem sie der Makedonische König Phillip V. im zweiten Punischen Krieg mit Hannibal verbündet hatte, war klar, dass Rom auch dorthin expansiv vorrücken wird, um weitere Einmischungen der hellenischen Staaten von vorne herein zu unterbinden.
Bedeutung für die römische Geschichtsschreibung
1. Begründer der römischen Historiographie
Vor Fabius:
gab es nur Annalenlisten (Konsulnamen, Kriege, Opfer)
keine zusammenhängende Geschichte mit Narrativ
Fabius:
macht daraus erstmals eine literarische Geschichtsdarstellung
mit Ursachen, Motiven und moralischer Bewertung
2. Vorlage für spätere Historiker
Fast alle großen römischen Historiker stehen indirekt in seiner Tradition:
Ennius
Cato der Ältere
Livius
Tacitus (Kaiserzeit)
Sie übernehmen von ihm:
die annalistische Struktur (Jahr für Jahr)
die Verbindung von Mythos + Geschichte
die Idee, Geschichte als Identitätsstiftung für Rom zu nutzen
3. Politisch gefärbte Geschichtsschreibung
Fabius war:
Senator
Diplomat (er wurde nach Delphi geschickt, um das Orakel zu befragen)
also tief im Staatsapparat verankert
Seine Darstellung:
ist klar romfreundlich
stellt Hannibal oft negativ dar
rechtfertigt römisches Handeln
Damit begründet er eine Tradition, die für Rom typisch wird: Geschichte als politisches Instrument oder als Legitimation für zukünftige oder vergangene Taten.
Kritik in der Antike
Schon früh war klar:
Fabius ist schreibt nicht objektiv.
Polybios etwa kritisiert ihn, weil er:
Hannibal unfair darstelle
römische Fehler beschönige
zu stark aus römischer Sicht schreibe
Aber gerade das macht ihn historisch so wichtig: Er zeigt, wie früh Geschichte bereits ideologisch genutzt wurde. Jedem Leser sollte klar sein, dass ein römischer Autor, der über römische Geschichte schreibt wohl kaum objektiv sein kann und sein will. Zum zweiten Punischen Krieg haben wir beispielsweise keine karthagischen Quellen oder Zeugnisse, was es sehr schwierig macht, die Geschehnisse zu verifizieren.
Warum ist Fabius Pictor heute so wichtig?
Obwohl sein Werk verloren ist, ist seine Bedeutung enorm:
Startpunkt der römischen Geschichtsschreibung
Er verbindet Mythos, Politik und Geschichte
Er prägt das römische Selbstbild für Jahrhunderte
Ohne ihn gäbe es Livius in dieser Form vermutlich nicht