Die Liktoren – Amtsträger der römischen Staatsgewalt
Was sind Liktoren?
Die Liktoren (lictores) waren staatliche Amtsdiener, die die höchsten römischen Magistrate begleiteten und deren Amtsgewalt (imperium) nach außen sichtbar machten. Man kann sie am ehesten als eine Mischung aus Leibgarde, Zeremonienpersonal und Vollzugsorgan bezeichnen. Sie gingen dem Amtsträger in der Öffentlichkeit voraus, bahnten ihm den Weg durch die Menge und sorgten dafür, dass die Menschen wussten, dass nun ein wichtiger Würdenträger vorbeiging.
Ihr wichtigstes äußeres Kennzeichen waren die Fasces – ein Bündel aus Ruten, oft mit einem Beil –, die sie auf der Schulter trugen. Dieses Symbol stand für das Recht des Magistrats, zu bestrafen, zu züchtigen und im Extremfall auch über Leben und Tod zu entscheiden.
Herkunft und Entstehung
Nach der römischen Überlieferung gehen die Liktoren auf die etruskische Zeit zurück. Besonders dem sagenhaften König Romulus oder später den etruskischen Königen wird zugeschrieben, die Institution eingeführt zu haben. Die Fasces selbst gelten ebenfalls als etruskisches Machtsymbol, das von Rom übernommen wurde.
Mit der Abschaffung des Königtums verschwanden die Liktoren nicht, sondern wurden auf die neuen republikanischen Ämter übertragen, vor allem auf die Konsuln, die nun das frühere königliche Imperium teilten.
Wie viele Liktoren gab es?
Die Zahl der Liktoren richtete sich nach dem Rang des Amtes:
Konsul: 12 Liktoren
Prätor: 6 Liktoren
Diktator: 24 Liktoren
Curulische Ädilen: meist 2
Promagistrate (Statthalter): ebenfalls Liktoren, je nach Imperium
Je höher das Amt, desto größer also der öffentliche Auftritt. Jedem Bürger war also anhand der Zahl der Liktoren sofort klar, welche Person, bekleidet mit welchem Amt, hier nun an ihm vorüberging.
Fasces, Beil und Rechtsbedeutung
Die Fasces hatten eine klare juristische Symbolik:
Ruten = Züchtigungsrecht
Beil = Hinrichtungsrecht oder Recht über Leben und Tod, zu entscheiden
Innerhalb der Stadt Rom (intra pomerium) mussten die Liktoren das Beil aus den Fasces entfernen. Das zeigte, dass römische Bürger in der Stadt ein Recht auf Berufung (provocatio) hatten und nicht einfach hingerichtet werden durften. Außerhalb der Stadt (im militärischen Bereich) trugen die Fasces das Beil, hier galt die volle militärische Gewalt.
Aufgaben im Alltag
Die Liktoren hatten nicht nur symbolische, sondern auch sehr praktische Aufgaben:
Sie schafften Platz auf dem Forum und bei Versammlungen.
Sie verhafteten Personen im Auftrag des Magistrats.
Sie vollstreckten Strafen.
Sie begleiteten Amtsträger bei Prozessionen, Gerichtssitzungen und religiösen Ritualen.
Damit waren sie das sichtbare Vollzugsorgan staatlicher Macht.
Bedeutung bei Livius
Gerade bei Livius tauchen Liktoren häufig auf, wenn es um:
die Einführung neuer Ämter,
die Beschreibung von königlicher oder konsularischer Macht, (vgl. AUC, 1, 41, als Servius Tullius die Macht übernimmt)
oder um Konflikte zwischen Volk und Magistraten geht.
Sie stehen dort fast immer als Symbol für Autorität, Ordnung und staatliche Disziplin.
Die Fasces und der Ursprung des Begriffs „Faschismus“
Der moderne politische Begriff Faschismus leitet sich direkt vom lateinischen Wort fasces ab, also dem Amtszeichen der römischen Liktoren.
Im 20. Jahrhundert griff der italienische Diktator Benito Mussolini dieses Symbol bewusst auf. Seine Bewegung nannte sich fascismo, um sich in eine direkte Tradition der römischen Macht zu stellen. Die fasces standen dabei für zwei zentrale Ideen:
Einheit und Stärke: Ein einzelner Stab ist leicht zu brechen, ein Bündel jedoch nicht – das Volk sollte sich als geschlossene Masse dem Staat unterordnen.
Autorität und Gewaltmonopol: Wie im antiken Rom beanspruchte der faschistische Staat das alleinige Recht auf Macht, Zwang und Disziplin, also ebenso, wie oben beschrieben, das alleinige Recht über Leben und Tod zu entscheiden.
Die Fasces wurden im faschistischen Italien allgegenwärtig: auf Fahnen, Münzen, Gebäuden und Uniformen. Sie sollten die Vorstellung einer neuen „römischen Größe“ propagieren und dem Regime historische Legitimität verleihen.
Bedeutung im historischen Vergleich
Während die fasces in der Antike ein juristisches Amtssymbol innerhalb einer klaren Verfassungsordnung waren, wurden sie im Faschismus zu einem reinen Machtsymbol eines autoritären Staates, der Gewalt nicht mehr rechtlich begrenzte, sondern ideologisch verherrlichte.
Gerade dieser Kontrast macht die fasces zu einem besonders anschaulichen Beispiel dafür, wie antike Symbole in der Moderne politisch instrumentalisiert wurden.